„Normal“?

Mein Blick ist verständlicherweise verzerrt. Als Lehrerin an einer berliner Brennpunktschule in einem „Brennpunktgebiet“, konfrontiere ich mich täglich mit Kindern, deren Herkunft, Erziehung und Sozialisierung mir selbstverständlich nicht egal ist, ich mir aber doch immer wieder klar mache, dass es auf meine Präsenz und meinen Unterricht ankommt. Es geht nicht darum, Kinder irgendwo hinzurücken, auch nicht darum, Traumata aufzudecken oder zu heilen, es geht nicht darum, Gewohnheiten zunichte zu machen oder Attacken auf die Elternhäuser loszuschieben. Es geht noch nicht einmal darum, im Falle des Verdachtes auf eventuelle Gewalt an Kindern durch die Elternhäuser genau das aufzudecken. Gerade das geht nach hinten los, das musste ich schwerlich lernen….
Worum geht es also?

Mir wurde bewusst, dass ich überhaupt gar nichts ändern kann. Ich habe die Chance wahrzunehmen,  dass das Kind, welches mir anvertraut wird und das sind sehr viele, aus einem bestimmten Grunde zu mir gekommen ist. Den Sinn, den das ergeben soll, den möchte ich gar nicht unbedingt wissen, was ich allerdings von mir verlange ist: Präsenz, Demut, Hingabe.

Das ist viel.
Und das ist schwer.

Bei all dem Stress und den Herausforderungen, sind diese drei Dinge wohl das allerschwierigste, dessen Gelingen in jedem Moment auf´s Neue herausgefordert wird.
Es ist ja nicht so, dass man vor der Schultüre seinen Privatmantel einfach so abstreifen kann. Angedacht ist es so, frei von privater Emotionalität zu sein, frei von Verletzungen, die man selbst mitbringt, frei von dem Bedürfnis, einfach weiter zu schlafen, wenn man überhaupt schlafen konnte Geht das? Bis zu einem gewissen Grade schon, aber wo ist die Grenze? Die Grenze ist wohl dort, wo ich selbst nicht mehr in der Lage bin, präsent und liebevoll zu agieren. Dort, wo ich unfair werde den Kindern gegenüber. Dort wo ich ungeduldig bin, dort wo ich so wahnsinnig genervt bin von einem Kind, weil es das einfachste immer noch nicht kapiert und umsetzen kann. Wenn ich da nicht in meiner Mitte bleiben kann, weil eigene, private Verletzungen so stark zuschlagen, dann muss ich eine Notbremse ziehen, um den Kindern keinen Schaden zuzufügen.

Welcher Lehrerhaushalt bleibt von privaten Sorgen unberührt? Da gibt es wohl nicht viele.
Die Tage in der Schule sind kein Kampf, sonst hätte ich meine Arbeit längst abgelegt. Sie sind eine unglaublich starke Herausforderung an das Höchste in mir. Und wenn das mal Hilfe benötigt, dann sollte sich niemand scheuen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.
„Wir sind doch auch nur Menschen…“, das sagen viele. Nein, gerade weil wir Menschen sind, müssen wir erkennen, wann die Notbremse gezogen werden muss, wann es nicht mehr geht oder eine Auszeit nötig ist.

Heute in Schulen zu arbeiten ist krass. Sehr krass. So krass, dass man sich das gar nicht vorstellen kann.
Ich bin so erschrocken manchmal über mich. Wie eine Soldatin pfeife ich Kinder zurück, „rücke“ sie zurecht, mahne sie ab, stelle Forderungen.
Was immer wieder hilft ist die Kunst. Die Musik, das Malen, das Tanzen, das Handwerk. Wenn wir in der Lage sind, das Persönliche da zu lassen, wo es hingehört, dann bleibt da das Schöne, was wir in der Lage sind zu schaffen, mit unserer Hände Arbeit, mit unserer seelischen Anteilnahme und mit unserem Ausatmen. Das Schöne eben….

Wie gut, dass ich Waldorflehrerin bin….

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