Liebesgeschichte „Diese Seite kenne ich leider gar nicht von Dir!“

Weihnachtstag, beim Mittagessen am lodernden Kamin. „Wie schade, dass ich Dich gar nicht kannte, als Du so jung warst!“ , sagte mein mir gegenüber sitzender Mann. „Mmm, ja, jetzt bin ich alt und hässlich…“, grummelte ich. Er daraufhin: „Nein, das wollte ich damit nicht sagen nur, dass ich diesen Lebensabschnitt von Dir gar nicht kenne, also diesen Teil von Dir, den hätte ich eben auch gerne gekannt…“
Und so erzählte ich ihm folgende Geschichte, die mir geschah, als ich 15 war.

Ich hatte mit 15 meinen Realschuabschluss gemacht und war noch so wahnsinnig jung, dass ich  überhaupt nicht wusste, was ich nun anfangen sollte. Meine Eltern mussten mich für eine Schulversagerin halten, denn diesen blöden Realschulabschluss hatte ich nur geschafft, weil meine Freundin damals so taff war, mir während der Prüfungs-Clausur die Englisch Nacherzählung zu korrigieren…Hätte sie das nicht gemacht, wäre ich glatt durchgefallen, denn ich hatte überhaupt eine Kompetenzen in dem Fach. Zumindest nicht schriftlich. Unterhalten konnte ich mich recht gut in der englischen Sprache.
Ich wollte Schauspielerin werden, aber das erlaubte mein Vater nicht, da er selbst Schauspieler war und in mich hinein implizierte, dass ich mal so enden würde, wie viele seiner Schauspielkolleginnen: In Abhängigkeit von einem Regisseur und wenn ich dann älter wäre, dann würde ich gar keine Rollen mehr bekommen…
So- und ihm vertraute ich eben und wusste nicht, was ich stattdessen werden wollte. So stellte mein Vater mich einem Gutsbesitzer in Hamburg Bergstedt vor. Dieser suchte eine Empfangsdame, die auch putzen sollte und sich um die Kinder kümmern musste. Mein Vater hoffte wohl, dass mich dann irgend ein wohlhabender Gast heiraten würde. So etwas Schräges. Als ich dann demonstrieren sollte, dass ich mit einem Staubsauger umgehen konnte, schmiss ich diesen in die teure Ecke des Wohnzimmers und somit war die Sache für mich erledigt. Mein Vater hatte nun kapiert, dass er sich aus einem Leben raushalten sollte und ich hatte realisiert, dass ich so schnell wie möglich das Weite suchen musste. Also entschied ich mich, auch wenn ich wusste, dass ich eine schlechte Schülerin sei, von nun ab eifriger zu lernen und mein Abitur nach zu machen.
Zwei Monate später besuchte ich dann zunächst für ein Jahr eine Höhere Handelsschule, um danach auf ein Gymnasium zu wechseln.
Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, eine dumme Schülerin zu sein. Dem Deutschlehrer gefielen meine Aufsätze so sehr, dass ich sie von nun an vorlesen durfte und Einsen dafür bekam, während ich vorher glatte Fünfen erhielt.

Das Abitur war kein Zuckerschlecken, aber mir war es wichtig, danach studieren zu können. Und zwar etwas, was  ich für mein Leben wirklich gebrauchen könnte. Ich wollte Töpfern lernen, Klavier spielen, Sport und Kunst. Das waren Fächer, in die ich sonst niemals wirklich ausgiebig genug hatte eintauchen können. Also entschied ich mich für ein Grundschullehrer Studium in Göttingen. Ich erhielt sofort einen Studienplatz, zusammen mit meiner Freundin, die ebenfalls Musik studieren wollte. Wir suchten uns eine gemeinsame Wohnung und erhielten kurz vor Studienbeginn die Mitteilung, dass die Pädagogische Hochschule in Göttingen alle eingetragenen Grundschullehramtskandidaten nach Lüneburg versetzen würde. O je, wie sollten wir nur so spontan eine Wohnung dort finden? Ging nicht, gemeinsam wenigstens erstmal nicht, aber wir schworen uns, dass wir gemeinsam suchen würden. So zog ich in ein Zimmer unter dem Dach meiner Großtante und meines Großonkels, der Geigenlehrer war. Meine Freundin zog in eine kleine Wohnung über einer Bäckerei, in der meine Tante arbeitete. Dort trafen wir uns oft, kochten zusammen, duschen tat meine Freundin bei mir, weil sie weder Dusche noch Fenster nach Außen in dieser Wohnung hatte. Das einzige, was sie den ganzen Tag einatmete war der Duft von backenden Brötchen und Keksen.
Gemütlich war es dennoch und irgendwie empfanden wir  das erste Mal das Gefühl gelebter Freiheit.

Viel unternahmen wir neben unseres erfüllenden Studiums miteinander. Natürlich sehnte ich mich auch insgeheim nach einer Theaterrolle. Außer Kunst, Musik und Sport studierte ich Deutsch. Irgendwann fragte mich der Professor, ob ich nicht Lust hätte, in seiner Theatergruppe mit zu spielen. Klar- hatte ich natürlich sofort! Und wie geehrt ich mich fühlte. Als ich zum ersten Mal zu den Proben kam, das Treffen fand in seiner Altbauwohnung statt, erwartete ich dort auch die anderen Laien Schauspieler. Ich kam mit dem Fahrrad und kurz vor der Wohnung nahm mir so ein Blödkopf die Vorfahrt, ich schrie ihn laut an…stellte mein Fahrrad ab und ging in die Wohnung. Auf dem Wege dorthin, kam dieser Blödkopf ebenso herbei geschnauft und wir beide gingen zusammen in die Wohnung des Profs. Ja, entschuldigt hatte er sich noch, lieb…
Das erste Treffen war sehr gut. Und ob ich es nun wollte oder nicht, verliebte ich mich unmittelbar in den Hauptdarsteller, dessen Mutter ich spielen sollte. Es war der Blödkopf, der mir die Vorfahrt nahm.

Einen Abend später traf ich ihn, zusammen mit ein paar Artistenfreunden vor der Fachhochschule für Sozialpädagogik, wo ich mir ein Stück von Dario Fo anschauen wollte. Die Leute um ihn herum studierten mit ihm artistische Stellungen ein. Meine Augen richteten sich nur auf ihn, das Stück, welches ich danach sah, habe ich nicht wahr genommen. Nach dem Stück führte er als Pantomime noch eine eigene, kleine Performance auf. Und außer seine Freunde und mich interessierte das niemanden.

Seine Freunde beeindruckten mich ebenso sehr. Sie symbolisierten für mich den Inbegriff des Hippietums, die Frauen hatten lange Kleider an und Schmuck, lange Haare, so wie ich und waren einfach im Vergleich zu allen anderen wirklich karismatisch . Als er mit seiner Pantomime fertig war rannte ich zu ihm und lobte ihn für seinen Auftritt.
Er war gerührt von meinem Zuspruch und meiner Ermutigung.
Schade war nur, dass er die selbe Nacht noch mit seinen Freunden nach Griechenland fahren wollte.6 Wochen lang, die Ferien über. Erst nach den Semesterferien sollte ich ihn also zu den Proben wiedertreffen können…
Das war hart für mich. Ich wusste ja, wo sein Auto stand und hinterließ ihm eine  kleine Nachricht.  Was ich geschrieben hatte, erinnere ich nicht mehr, aber wie ich mich von früher kenne, stand sicherlich darauf :“ Ich wünsche Dir schöne Ferien und freue mich auf ein Wiedersehen mit Dir!“

Und so ließ ich die Erinnerung an ihn 6 Wochen lang auf mich wirken. Ich weiß nicht mehr, was ich in den Ferien machte nur, dass ich irgendwann zu einem Zelttheater ging, wo wieder irgendeine Vorstellung zu sehen war. Und Theater liebte ich sehr. Ich ging mit meiner Freundin zusammen dorthin und wir setzten uns auf eine Zirkusbank. Als das Stück in vollem Gange war, sah ich eine Bank weiter eben genau diesen Typen, in den ich mich sofort verliebt hatte. Ohne zu überlegen und ohne meiner Freundin irgend etwas zu sagen (was ich erst Jahre später realisierte und bedauerte), setzte ich mich sofort neben ihn. Er freute sich, mich zu sehen. Die Vorstellung schauten wir gemeinsam weiter, aber ich kann nicht sagen, um welchen Inhalt es sich gehandelt hat.
Nach der Vorstellung saßen wir so lange auf der Bank, bis keiner mehr im Zuschauerraum war. Wir erzählten und gingen dann irgendwann raus, stellten uns unter eine Laterne, die Kirchenglocke läutete 24 Uhr. Und sie läutete, 1 Uhr und 2 Uhr und 3 Uhr und 4 Uhr und 5 Uhr und 6 Uhr. Und dann, als ich realisierte, dass ich ja gleich Vorlesung hätte, befand ich mich in einem Schwall wundersamer, Hormon gesteuerter, völlig wahnsinniger Fantasien. Wir haben die ganze Zeit geknutscht, uns unterhalten, geknutscht und uns unterhalten. Um 7 Uhr verabredeten wir uns für den darauf folgenden Tag bei ihm zum Kochen, wo dann unsere Liebesgeschichte seinen Lauf begann und erst nach 25 Jahren erlosch, wir haben zwei gemeinsame Kinder, werden uns immer lieben aber nicht mehr miteinander leben.
Während dieser ersten zwei Jahre unserer Begegnung, da traf ich per Zufall in einer Hamburger Wohnung meinen jetzigen Mann. Ich besuchte meine Schauspielfreundin, er kam aus Pforzheim und war an dem Tag durch eine Schauspielprüfung gefallen, denn er wollte Schauspieler werden. Und in der Wohnung trafen wir uns, weil er dort eine ehemalige Klassenkameradin traf, mit der er auf die Waldorfschule ging und die mit meiner Freundin auf die gleiche Schauspielschule ging.
Ich war wie wahnsinnig verliebt in meinen Artistenfreund aus dem Zelt und dennoch hatten wir beide nun, also der Waldorfschüler und ich, der im übrigen für mich der erste Waldorfschüler meines Lebens war, eine tolle Kerzenscheinnacht zusammen, fast ohne Körperkontakt. Aber mit nachhaltender Wirkung, denn von da ab schrieben wir uns Briefe, unendlich schöne Briefe, ich hatte niemals einen Menschen getroffen, der so wie ich, gerne Briefe schrieb und dazu noch in einer so unglaublich künstlerischen Handschrift….25 Jahre später begegneten wir uns wieder und beschlossen, unseren Lebensweg von da ab weiter zusammen zu gehen. Und dennoch gehört das alles für mich zusammen…..“Ja, diesen Teil von Dir, den kenne ich leider nicht, die Rebellin, die sich von zu Hause löst, um ihren eigenen Weg zu finden!“ Genau, den kennt mein jetziger Mann nicht im Vergleich zu meinem Ersten.

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