Eltern, geht auf die Straße! Kämpft für Eure Kinder!

In der Überschrift sitzt sehr viel Kraft. Sie richtet sich an Eltern, denen die Situation in der Schule nicht gefällt, die aber nichts bewegen, da sie ihren Unmut für sich behalten oder sich nur untereinander austauschen.

Manchmal denke ich bildhaft über mein ganzes Leben nach. Ich beginne von der Geburt, den ersten Jahren mit meinen Eltern, meinen frühkindlichen Erfahrungen, ich denke an die Menschen, zu denen ich Kontakt hatte, die mir in bleibender Erinnerung sind und ich denke an spätere Zeiten. An die Zeit, in der ich, in meinen Augen von der 5.-9. Klasse, sinnlos in irgend einem entsetzlichen Schulgebäude, Lebenszeit vergeuden musste. Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich die Kraft, das Potential, mit dem ich ausgestattet war. Und ich sehe das Potential meiner Klassenkameraden und Freunde, sehe, dass wir uns dort wunderbar treffen konnten, begegnen konnten, kennen lernen konnten, dass aber z.B. ich während dieser Zeit permanent mit Schulängsten, mit Versagensängsten, mit Ängsten, die das Gebäude betrafen, mit Anonymität, mit Kälteempfinden, mit Schlaflosigkeit, mit Verzweiflung, Demütigungen von Seiten einiger Lehrer und mit konkreten Verletzungen von Seiten aggressiver Jungs umgehen musste, die aufgrund der Schulstruktur, der Menge an Menschen und des Stresses der einzelnen Pädagogen zustande kamen. Klar kann man da sagen: “ Da muss man durch“, „Was Dich nicht umbringt, macht Dich härter“, „Daran wächst Du“…… Nein! Rückschauend, bezogen auf die Summe der Bilder in meinem Leben, hätte ich gerne auf diese Zeit verzichtet. Nicht auf meine Freude, denn die waren ein besonderer Glücksgriff für mich, nein, bezogen auf den Umstand, dass ich in eine Schule gehen musste, die mir nicht gerecht werden konnte und die mir keine Freude, sondern nur Leid bringen konnte. Das Unterrichtspensum hätte ich locker alleine in viel kürzerer Zeit autark erwerben können. Das, was mich niemand lehrte und was ich auch nicht alleine hätte lernen können, das waren Dinge, die mir für mein praktisches Leben geholfen hätten. Für das Leben, in dem ich eigenverantwortlich Entscheidungen treffe, mein Leben selbst gestalte, meinen Tagesablauf kreiere. Handwerke, Theaterspielen, Orchesterarbeit, Erlebnispädagogik, Kunsterfahrungen, Sprachgestaltung, Choreographie, Eurythmie/ Lebensschulung/Heileurythmie….und vieles mehr. Aber das Wichtigste wäre gewesen, dass ich das Gefühl hätte haben können, in einem angstfreien Raum zu sein, der mir einen gewissen Schutz bietet, der mich entwickeln lässt ohne gezogen zu werden, der mir Zeit gibt, zu mir zu kommen, der mir das Gefühl gibt, richtig zu sein.

Es war nur eine kurze Zeit, die ich in einer solchen Schule verbrachte. Zum Glück befreite ich mich aus dieser Situation, suchte ein schönes Gymnasium auf und entwickelte mich weiter. Dort traf ich auf Menschen, die mich sahen und die mich durch Liebe förderten.

Da ich selbst nun Lehrerin bin, versuche ich mein Bestes, Kindern diese positiven Gefühle geben zu können. Und ich kann es nicht bei allen. Wie oft fühle ich mich hilflos, schlecht, weil ich nicht so handeln kann, wie ich es für das Kind für richtig halte. Nun habe ich da viele Kinder im Blick, die in meinen Augen am völlig falschen Platz sind. Es gibt so viele Förderkinder in den Schulen und es werden immer mehr. Durch die Inklusion wurde ein Sparmodell verwirklicht, welches einzig und alleine durch wirtschaftliche Ziele  initiiert wurde und wo es überhaupt nicht um „Inklusion“ geht.

Es gibt Kinder, die können ohne einen Einzelbetreuer nichts lernen, sind völlig alleine auf sich gestellt. Und es gibt unendlich viele Kinder, die so eine Einzelbetreuung nicht haben, aus welchen Gründen auch immer.
Fast alle Schulen werden mittlerweile zu Brennpunktschulen ernannt. Es brennt finanziell, ideell, menschlich, es brennt konzeptionell und  professionell. Das Kartenhaus ist längst eingebrochen. Und deswegen meine Überschrift: Eltern, geht auf die Straße, für Eure Kinder! Es darf kein Tag vergehen, an dem ein Kind nach Hause kommt und im Grunde nicht weiß, wieso es eigentlich heute in der Schule war. Ein jeder solcher Tag ist ein Tag, in dem Lebenszeit vergeudet und nicht entwicklungsgemäß genutzt wurde.
Liebe Eltern. Es geht in den Schulen schon lange nicht mehr nur um Leistungsoptimierung, vielleicht ging es auch nie wirklich darum, denn dann müsste jeder alleine zu Hause lernen, vielmehr geht es um Sozialisierung, es geht um die Möglichkeit, Räume zu schaffen, in dem etwas „abgeht“, etwas, was man nicht vergisst. Und zwar, weil man daran beteiligt war und ist. Weil man eine Stimme hat. Weil man gesehen wird, weil man etwas beitragen kann, weil man wahrgenommen wird! Und zwar jeder Mensch.

Es gibt heute überwiegend Kinder mit einem Förderbedarf in der emotionalen /sozialen Entwicklung.  Diese Kinder fallen auf. Sie sind meist hyperaktiv, oft aggressiv, unkonzentriert, eben „nervig“. Sie gehen einem auf den „Nerv“. Warum: Weil sie gesehen werden möchten, mit ihrem Schmerz, als ganzer Mensch. Ihre Leistung interessiert sie nicht die Bohne. Das alles macht für sie überhaupt gar keinen Sinn. Wie sinnlos muss ihnen diese Zeit vorkommen, wenn sie später darüber nachdenken, so wie ich das manchmal mit meinem Leben tue.
Da gibt es Förderkinder im Bereich Lernen. Ich kann mir vorstellen, wie diese Kinder sich fühlen, wenn sie Tag ein Tag aus Arbeitsblätter ausfüllen müssen oder Fibelseiten durcharbeiten, aus denen sie nicht mal die Aufgabenstellung begreifen, geschweige denn wissen, wo überhaupt die Aufgabe auf dem Blatt sich befindet. Wie fühlt man sich so hilflos, allein gelassen? Denn da ist niemand, der einem das 30 Mal erklären könnte, höchstens 10 Mal und dann sind die Kapazitäten erschöpft, denn es gibt viele Kinder mit einem Förderbedarf im Lernen. Da redet man doch lieber und stört die anderen dadurch, als dass man sich auf sein Versagen konzentrieren muss.
Du als Mutter, weißt Du, wie sich so etwas für Dein Kind anfühlt?

Dann gibt es noch Kinder mit dem Förderbedarf in der geistigen Entwicklung. Manchmal weiß man nicht, ob diese Kinder psychotisch sind oder eine geistige Beeinträchtigung haben, das kann man auch gar nicht so genau testen, weil es ja ohnehin auf den gesamten Menschen ankommt. Es gibt Kinder, die laufen in den Pausen an den Wänden entlang, um sich möglichst schnell verstecken zu können, unter einem Stuhl, unter einem Tisch, hinter einer Tür, in einem Schrank, hinter einem Blumentopf, in der Umkleidekabine einer Turnhalle. Weil diese Kinder keinen Einzelbetreuer haben, vermisst sie die Klassenlehrperson auch oft erst dann, wenn die Stunde wieder begonnen hat. Wenn das Kind dann von irgend jemand anderem „aufgegriffen“ wurde, wird es zum Stuhl hin gezerrt, weil es sich natürlich aufgrund seiner Scham dort hinziehen lassen muss…..wer geht schon gerne auf so eine Weise durch das Klassenzimmer, also geht es nur ziehend. Und das Stunde um Stunde….Man kann auch in den Pausen nicht alle  diese Kinder an der Hand halten, weil es zig andere Kinder gibt, die auseinander gerissen werden müssen, damit sie sich nicht die Köpfe einschlagen, weil Kinder vom Zaun runter geholt werden müssen, weil sie mal wieder auf das andere Grundstück wollen, weil man einem Jungen im letzten Moment die Steine aus der Hand nehmen muss, damit es diese nicht auf das gegenüber stehende Kind wirft. Weil man das Mädchen von der einen Kollegin wegreißen muss, weil es sie gerade beißt…..

Wollen Sie, liebe Eltern all diese Geschichten hören, in denen Sie erfahren könnten, dass ihr Kind gerade vor einem solchen Steinschlag von irgendeinem Lehrer gerettet wurde? Möchten Sie hören, dass Ihr Kind die ganze Pause über von anderen Kindern im Klo festgehalten wurde?

Jede dieser Geschichten ist eine Geschichte zu viel. Kein Kind sollte in eine solche Situation geraten, weil irgendwelche Theoretiker behaupten „Inklusion“ sei möglich, ohne dass Strukturen, Gebäude, Räume, Stundenpläne, Stundendeputate, Gehälter, Personalfragen usw. sich ändern?

„Machen Sie mal, Sie schaffen das!!!“

Ja, die, die das schaffen müssen, sitzen in den Schulen und haben es schwer. Ist es vergeudete Zeit? Wie werde ich diese Zeit empfinden, wenn ich über sie nachdenke? Soll ich Ihnen sagen, wie ich darüber denke? Es wird sich an dieser Situation nichts ändern, es wird sogar noch viel schlimmer. Solange die Eltern nicht massiver vorgehen, solange sie nicht für die gewaltfreie Beschulung und Bildung ihrer Kinder massiv eintreten, solange sie ihre Kinder weiter in die Schulen geben und nicht „nein/stopp!“ sagen.
Nicht nur untereinander auf dem Parkplatz, das reicht nicht.
Es gibt viele Lehrer, Menschen, die sich täglich um Ihre Kinder sorgen, sich bemühen, das Beste aus dem Ganzen heraus zu holen. Liebevoll.Unterstützen Sie den Raum der Kinder, der ein wunderbarer Raum sein kann.

Aber das reicht nicht.

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