Ein spannender Weg ist es, gemeinsam strahlen zu können.

Die Waldorfpädagogik, so wie sie von Steiner in seiner ersten Schule 1919 in Stuttgart angedacht war, hat sich bis heute um den ganzen Erdball verteilt. Es gibt Waldorfkindergärten, Waldorfschulen, anthroposophische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, Demeter Bauernhöfe, Heilpädagogische Waldorfeinrichtungen, Werkstätten, niedergelassene anthroposophische Ärzte, Heileurythmisten, Banken, anthroposophische Krankenhäuser, Geburtshäuser, gemeinschaftliche Unterkünfte für den älteren, hilfebedürftigen Menschen und mehr. Die Eurythmie hat sich in den letzten Jahren, als fester Bestandteil der Anthroposophie in mehreren Facetten publiker gemacht und tritt nicht nur in Waldorfschulen, sondern auch in der Öffentlichkeit selbstbewusster auf.
Diese Einrichtungen haben vieles gemeinsam. Innerhalb der verschiedenen Institutionen lebt ein bestimmter Geist, mit dem sich Menschen verbunden fühlen, die ihren Dienst dort tun.
In allen Institutionen kommen viele Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer kulturellen Prägung, ihrer Sprache und Religion zusammen , die sich gemeinsam einer Sache zuwenden, nämlich den Menschen in seinem ganzen Sein: Im Körperlichen, im Geistigen und im Seelischen  anzusprechen und zu erreichen.

Man trifft sehr unterschiedliche Menschen dort an, in unterschiedlichen Altersstufen, Reifegraden, Charakteren, Umgehensweisen, individuellen Fähigkeiten und Erscheinungsbildern.

Das, was mich persönlich Zeit meines Lebens begeistert hat, nicht nur in diesen Kreisen, sind Erlebnisse mit Menschen, die meinen Kindern und mir gegenüber vorurteilsfrei, offen, interessiert, empathisch und mitfühlend waren.
Ehrlich gesagt waren dies so viele Menschen, dass ich mich an alle erinnern und einzelne, konkrete Beispiele nennen kann. Das möchte ich nun auch gerne tun.
Mein erstes Erlebnis in diese Richtung war mit 4 Jahren. Ich saß bei meiner Lieblingsnachbarin eine Etage über uns und durfte mit all ihren Freunden Kaffetrinken, sprich: Kuchen essen … Ich fühlte mich in der Runde der Erwachsenen und älteren Menschen sehr wohl und gut aufgehoben, obwohl ich nur meine Nachbarin kannte. Da war ein älterer Mann, der mir ein Märchen erzählte und darüber mit mir ins Gespräch kam. Seine Fragen zum Inhalt des Märchens haben mich offenbar so sehr berührt, dass ich das unglaubliche Interesse seinerseits an meinen Gedanken als nährend empfand, ohne es damals hätte beschreiben zu können.
Das zweite Erleben war mit der Mutter meiner Freundin, ich war 5 und wollte bei ihr übernachten. Als es dann so weit war, bekam ich plötzlich Heimweh und wollte wirklich sofort nach Hause. Die Mutter meiner Freundin kam in das Zimmer und ging liebevoll auf mich ein. Sie nahm mich auf den Schoß, was sich schon wunderbar anfühlte und fragte mich genauer, was denn los sei. Als sie erkannte, dass ich ganz wirklich unbedingt nach Hause wollte, brachte sie mich zurück.
Mit 10 ging ich, wie fast alle, in die 4. Klasse einer Grundschule. Meine Lehrerin war so nett, herzlich, lächelnd, ruhig, abwartend, unterstützend und liebevoll, dass ich niemals ungern in die Schule ging in dieser Zeit (später war das komplett anders).
In der 12. Klasse bekam ich einen Chemielehrer, der wiederum eine ähnliche Wärme und Ruhe ausstrahlte, wie der Bekannte meiner Nachbarin früher, ich hatte sofort Vertrauen und liebte die Stunden bei ihm. Meine Leistungen im Fach Chemie waren katastrophal, ich hatte Chemie dennoch als Leistungskurs gewählt eben genau wegen dieses Lehers. Er unterhielt sich vor den Stunden interessiert mit uns Jugendlichen, über unsere Fragen zum Leben, zur Wirtschaft und Politik, er ermutigte uns, uns einzusetzen und gab uns das Gefühl, dass wir wichtig seien für die Welt. Ich schrieb bei der Abi-Clausur eine glatte 5- und musste dann ins mündliche Abi. Dort erhielt ich von drei Lehrern eine 1, weil ich echt gut vorbereitet war und bestand das Abi.
In der Uni begegneten mir einzelne, recht strahlende und karismatische Dozenten. Es war herrlich, mit ihnen zu diskutieren und im Fluss zu sein mit der ganzen Welt, so, wie ich es damals empfand. Meine Unizeit war geprägt von derartigen Erfahrungen und es war ein gutes Leben für mich mit all diesen tollen, wunderbaren, intelligenten, außergewöhnlichen, spannenden und interessierten Menschen.
Überwiegend faszinierten mich Männer mit ihrer Wärme. Erst nach der Geburt meiner ersten Tochter, lernte ich eine Sikh-Yoga-Lehrerin kennen, bei der ich gleichsam fühlte, was ich selbst bei anderen Frauen, auch bei meiner eigenen Mutter, leider nicht, wahrnehmen konnte. Eine unglaubliche Herzenskraft. Eine Ausdehnung, die sich körperlich bemerkbar machte.
Und später, als ich meine erste Tochter im Waldorfkindergarten anmeldete, da erlebte ich diese sich ausdehnende Herzenskraft nicht nur in den Pädagogen, sondern im ganzen Raum, in jedem einzelnen Teil, was sich dort befand. Es war ein Erlebnis, als wäre ich wirklich im Herzen angekommen. Und das war großartig, überwältigend.

Wie nur könnte ich eine solche Herzenswärme selbst auch entwickeln, so dass sie ausstrahlen kann in meine Umgebung? Das Studium von einigen Werken Steiners, auch während meiner Waldorflehrerausbildung im Anschluss an mein 2. Staatsexamen, brachte mich da noch nicht weiter.
Ich machte eine Yoga-Lehrer-Ausbildung, danach lernte ich Reiki und machte sogar eine Meisterausbildung, begann eine Craniosacral Massage- Ausbildung / Neurologie/ Psychiatrie und da entwickelte sich unglaublich viel in mir. Nach all diesen Ausbildungen hatte ich das Gefühl, lieben zu können. Ja, ich hatte es gelernt. Nur. Kam das auch rüber? Haben andere Menschen das auch wahrgenommen? Konnte ich das in mein Leben bringen? Über den Tellerrand meiner Familie hinaus? Ich eröffnete eine Heilpraxis und machte eine Heilpraktiker-Prüfung für den Bereich Psychotherapie, denn ich wollte lernen, üben, mich weiter entwickeln. Nahm Supervisionsstunden, arbeitete meine eigene Kindheit auf, lernte wiederum eine unglaublich tolle Heilerin und Ärztin kennen, die mich immer wieder ermutigte, meinen eigenen Weg zu gehen und den auch in die Welt zu bringen. Ich wandelte meine gesamte Organisation um, empfand es wie eine Transformation, ich wurde empfindungsgemäß zu einem völlig anderen Menschen. Und mit diesen Erfahrungen traute ich mich dann, irgendwann, eine erste Klasse an einer Waldorfschule zu führen. Ich wollte so sehr meine Liebeskräfte strömen lassen, zu den Kindern hin. Und ja, ich war angekommen, es gelang. Nur, meine nun ausgebildete Sensibilität führte dazu, dass ich nicht zu allem ja und Amen sagte. Ich stand ein für mich. Im Kollegium, bei den Eltern. Ich war mir treu und brachte dies auch zum Ausdruck. Mit der Konsequenz, dass ich heute, nach so vielen Jahren, noch nicht an einer Waldorfschule angekommen bin, nicht an einer von den vielen, die ich kennen lernen durfte als Klassenlehrerin.
Ich bin an einer staatlichen Schule und arbeite so, wie ich das für die Kinder und mich verantworten kann. Halte den Lehrplan ein und arbeite überwiegend aus dem Künstlerischen heraus, mit Waldorfinspiration, epochal, mit sinnigem Material und Herzenskraft. So gut es mir eben gelingt.

Aber: Ich bin meistens sehr enttäuscht über mich, weil es so viele Momente gibt, an denen ich nicht wirklich präsent, geistesgegenwärtig oder liebevoll genug bin. Damit ich mich darüber nicht allzu arg ärgere, versuche ich es jeden Tag auf´s Neue. Immer wieder zwischendurch werde ich dann krank, halte inne, bis ich wieder aufstehen kann, um es neu zu versuchen.

Ich frage mich also täglich, wie ich mich selbst weiter entwickeln kann, um anderen Menschen genau diese Offenheit, Empathie und vorurteilsfreie, mitfühlende, interessierte Haltung gegenüber entgegenbringen zu können, wie diese, die ich so sehr an anderen Menschen begehre und die ich durch die vielen Waldorfeinrichtungen kennen und schätzen lernen konnte. Welch ein Geschenk!
Es ist die Sprache, die bedachte, bewusste Sprache. Es ist die Kunst des Sprechens, die zu gleichen Teilen Inhalt und Wirkung erzeugt, plastische Bilder. Ruhe, es ist Geduld, bedachte Gesten, durchdachte Gesten, die ebenso eine Wirkung haben,  insbesondere für Kinder im ersten Lebensjahrsiebt.

Es ist ein fortwährender Übungsweg. Anstrengend, erhebend, konfrontierend, es ist ein Weg. Für mich lohnt er sich, denn es gibt Hoffnung, das wundervolle, strahlende Licht des eigenen Individuums mit den Strahlkräften der anderen Individuen zusammen zu entzünden. Immer mal wieder, manchmal. Und das ist der Geist, der die verbindet, die das Leben lieben.

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