Liebesgeschichte „Diese Seite kenne ich leider gar nicht von Dir!“

Weihnachtstag, beim Mittagessen am lodernden Kamin. „Wie schade, dass ich Dich gar nicht kannte, als Du so jung warst!“ , sagte mein mir gegenüber sitzender Mann. „Mmm, ja, jetzt bin ich alt und hässlich…“, grummelte ich. Er daraufhin: „Nein, das wollte ich damit nicht sagen nur, dass ich diesen Lebensabschnitt von Dir gar nicht kenne, also diesen Teil von Dir, den hätte ich eben auch gerne gekannt…“
Und so erzählte ich ihm folgende Geschichte, die mir geschah, als ich 15 war.

Ich hatte mit 15 meinen Realschuabschluss gemacht und war noch so wahnsinnig jung, dass ich  überhaupt nicht wusste, was ich nun anfangen sollte. Meine Eltern mussten mich für eine Schulversagerin halten, denn diesen blöden Realschulabschluss hatte ich nur geschafft, weil meine Freundin damals so taff war, mir während der Prüfungs-Clausur die Englisch Nacherzählung zu korrigieren…Hätte sie das nicht gemacht, wäre ich glatt durchgefallen, denn ich hatte überhaupt eine Kompetenzen in dem Fach. Zumindest nicht schriftlich. Unterhalten konnte ich mich recht gut in der englischen Sprache.
Ich wollte Schauspielerin werden, aber das erlaubte mein Vater nicht, da er selbst Schauspieler war und in mich hinein implizierte, dass ich mal so enden würde, wie viele seiner Schauspielkolleginnen: In Abhängigkeit von einem Regisseur und wenn ich dann älter wäre, dann würde ich gar keine Rollen mehr bekommen…
So- und ihm vertraute ich eben und wusste nicht, was ich stattdessen werden wollte. So stellte mein Vater mich einem Gutsbesitzer in Hamburg Bergstedt vor. Dieser suchte eine Empfangsdame, die auch putzen sollte und sich um die Kinder kümmern musste. Mein Vater hoffte wohl, dass mich dann irgend ein wohlhabender Gast heiraten würde. So etwas Schräges. Als ich dann demonstrieren sollte, dass ich mit einem Staubsauger umgehen konnte, schmiss ich diesen in die teure Ecke des Wohnzimmers und somit war die Sache für mich erledigt. Mein Vater hatte nun kapiert, dass er sich aus einem Leben raushalten sollte und ich hatte realisiert, dass ich so schnell wie möglich das Weite suchen musste. Also entschied ich mich, auch wenn ich wusste, dass ich eine schlechte Schülerin sei, von nun ab eifriger zu lernen und mein Abitur nach zu machen.
Zwei Monate später besuchte ich dann zunächst für ein Jahr eine Höhere Handelsschule, um danach auf ein Gymnasium zu wechseln.
Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, eine dumme Schülerin zu sein. Dem Deutschlehrer gefielen meine Aufsätze so sehr, dass ich sie von nun an vorlesen durfte und Einsen dafür bekam, während ich vorher glatte Fünfen erhielt.

Das Abitur war kein Zuckerschlecken, aber mir war es wichtig, danach studieren zu können. Und zwar etwas, was  ich für mein Leben wirklich gebrauchen könnte. Ich wollte Töpfern lernen, Klavier spielen, Sport und Kunst. Das waren Fächer, in die ich sonst niemals wirklich ausgiebig genug hatte eintauchen können. Also entschied ich mich für ein Grundschullehrer Studium in Göttingen. Ich erhielt sofort einen Studienplatz, zusammen mit meiner Freundin, die ebenfalls Musik studieren wollte. Wir suchten uns eine gemeinsame Wohnung und erhielten kurz vor Studienbeginn die Mitteilung, dass die Pädagogische Hochschule in Göttingen alle eingetragenen Grundschullehramtskandidaten nach Lüneburg versetzen würde. O je, wie sollten wir nur so spontan eine Wohnung dort finden? Ging nicht, gemeinsam wenigstens erstmal nicht, aber wir schworen uns, dass wir gemeinsam suchen würden. So zog ich in ein Zimmer unter dem Dach meiner Großtante und meines Großonkels, der Geigenlehrer war. Meine Freundin zog in eine kleine Wohnung über einer Bäckerei, in der meine Tante arbeitete. Dort trafen wir uns oft, kochten zusammen, duschen tat meine Freundin bei mir, weil sie weder Dusche noch Fenster nach Außen in dieser Wohnung hatte. Das einzige, was sie den ganzen Tag einatmete war der Duft von backenden Brötchen und Keksen.
Gemütlich war es dennoch und irgendwie empfanden wir  das erste Mal das Gefühl gelebter Freiheit.

Viel unternahmen wir neben unseres erfüllenden Studiums miteinander. Natürlich sehnte ich mich auch insgeheim nach einer Theaterrolle. Außer Kunst, Musik und Sport studierte ich Deutsch. Irgendwann fragte mich der Professor, ob ich nicht Lust hätte, in seiner Theatergruppe mit zu spielen. Klar- hatte ich natürlich sofort! Und wie geehrt ich mich fühlte. Als ich zum ersten Mal zu den Proben kam, das Treffen fand in seiner Altbauwohnung statt, erwartete ich dort auch die anderen Laien Schauspieler. Ich kam mit dem Fahrrad und kurz vor der Wohnung nahm mir so ein Blödkopf die Vorfahrt, ich schrie ihn laut an…stellte mein Fahrrad ab und ging in die Wohnung. Auf dem Wege dorthin, kam dieser Blödkopf ebenso herbei geschnauft und wir beide gingen zusammen in die Wohnung des Profs. Ja, entschuldigt hatte er sich noch, lieb…
Das erste Treffen war sehr gut. Und ob ich es nun wollte oder nicht, verliebte ich mich unmittelbar in den Hauptdarsteller, dessen Mutter ich spielen sollte. Es war der Blödkopf, der mir die Vorfahrt nahm.

Einen Abend später traf ich ihn, zusammen mit ein paar Artistenfreunden vor der Fachhochschule für Sozialpädagogik, wo ich mir ein Stück von Dario Fo anschauen wollte. Die Leute um ihn herum studierten mit ihm artistische Stellungen ein. Meine Augen richteten sich nur auf ihn, das Stück, welches ich danach sah, habe ich nicht wahr genommen. Nach dem Stück führte er als Pantomime noch eine eigene, kleine Performance auf. Und außer seine Freunde und mich interessierte das niemanden.

Seine Freunde beeindruckten mich ebenso sehr. Sie symbolisierten für mich den Inbegriff des Hippietums, die Frauen hatten lange Kleider an und Schmuck, lange Haare, so wie ich und waren einfach im Vergleich zu allen anderen wirklich karismatisch . Als er mit seiner Pantomime fertig war rannte ich zu ihm und lobte ihn für seinen Auftritt.
Er war gerührt von meinem Zuspruch und meiner Ermutigung.
Schade war nur, dass er die selbe Nacht noch mit seinen Freunden nach Griechenland fahren wollte.6 Wochen lang, die Ferien über. Erst nach den Semesterferien sollte ich ihn also zu den Proben wiedertreffen können…
Das war hart für mich. Ich wusste ja, wo sein Auto stand und hinterließ ihm eine  kleine Nachricht.  Was ich geschrieben hatte, erinnere ich nicht mehr, aber wie ich mich von früher kenne, stand sicherlich darauf :“ Ich wünsche Dir schöne Ferien und freue mich auf ein Wiedersehen mit Dir!“

Und so ließ ich die Erinnerung an ihn 6 Wochen lang auf mich wirken. Ich weiß nicht mehr, was ich in den Ferien machte nur, dass ich irgendwann zu einem Zelttheater ging, wo wieder irgendeine Vorstellung zu sehen war. Und Theater liebte ich sehr. Ich ging mit meiner Freundin zusammen dorthin und wir setzten uns auf eine Zirkusbank. Als das Stück in vollem Gange war, sah ich eine Bank weiter eben genau diesen Typen, in den ich mich sofort verliebt hatte. Ohne zu überlegen und ohne meiner Freundin irgend etwas zu sagen (was ich erst Jahre später realisierte und bedauerte), setzte ich mich sofort neben ihn. Er freute sich, mich zu sehen. Die Vorstellung schauten wir gemeinsam weiter, aber ich kann nicht sagen, um welchen Inhalt es sich gehandelt hat.
Nach der Vorstellung saßen wir so lange auf der Bank, bis keiner mehr im Zuschauerraum war. Wir erzählten und gingen dann irgendwann raus, stellten uns unter eine Laterne, die Kirchenglocke läutete 24 Uhr. Und sie läutete, 1 Uhr und 2 Uhr und 3 Uhr und 4 Uhr und 5 Uhr und 6 Uhr. Und dann, als ich realisierte, dass ich ja gleich Vorlesung hätte, befand ich mich in einem Schwall wundersamer, Hormon gesteuerter, völlig wahnsinniger Fantasien. Wir haben die ganze Zeit geknutscht, uns unterhalten, geknutscht und uns unterhalten. Um 7 Uhr verabredeten wir uns für den darauf folgenden Tag bei ihm zum Kochen, wo dann unsere Liebesgeschichte seinen Lauf begann und erst nach 25 Jahren erlosch, wir haben zwei gemeinsame Kinder, werden uns immer lieben aber nicht mehr miteinander leben.
Während dieser ersten zwei Jahre unserer Begegnung, da traf ich per Zufall in einer Hamburger Wohnung meinen jetzigen Mann. Ich besuchte meine Schauspielfreundin, er kam aus Pforzheim und war an dem Tag durch eine Schauspielprüfung gefallen, denn er wollte Schauspieler werden. Und in der Wohnung trafen wir uns, weil er dort eine ehemalige Klassenkameradin traf, mit der er auf die Waldorfschule ging und die mit meiner Freundin auf die gleiche Schauspielschule ging.
Ich war wie wahnsinnig verliebt in meinen Artistenfreund aus dem Zelt und dennoch hatten wir beide nun, also der Waldorfschüler und ich, der im übrigen für mich der erste Waldorfschüler meines Lebens war, eine tolle Kerzenscheinnacht zusammen, fast ohne Körperkontakt. Aber mit nachhaltender Wirkung, denn von da ab schrieben wir uns Briefe, unendlich schöne Briefe, ich hatte niemals einen Menschen getroffen, der so wie ich, gerne Briefe schrieb und dazu noch in einer so unglaublich künstlerischen Handschrift….25 Jahre später begegneten wir uns wieder und beschlossen, unseren Lebensweg von da ab weiter zusammen zu gehen. Und dennoch gehört das alles für mich zusammen…..“Ja, diesen Teil von Dir, den kenne ich leider nicht, die Rebellin, die sich von zu Hause löst, um ihren eigenen Weg zu finden!“ Genau, den kennt mein jetziger Mann nicht im Vergleich zu meinem Ersten.

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Eltern, geht auf die Straße! Kämpft für Eure Kinder!

In der Überschrift sitzt sehr viel Kraft. Sie richtet sich an Eltern, denen die Situation in der Schule nicht gefällt, die aber nichts bewegen, da sie ihren Unmut für sich behalten oder sich nur untereinander austauschen.

Manchmal denke ich bildhaft über mein ganzes Leben nach. Ich beginne von der Geburt, den ersten Jahren mit meinen Eltern, meinen frühkindlichen Erfahrungen, ich denke an die Menschen, zu denen ich Kontakt hatte, die mir in bleibender Erinnerung sind und ich denke an spätere Zeiten. An die Zeit, in der ich, in meinen Augen von der 5.-9. Klasse, sinnlos in irgend einem entsetzlichen Schulgebäude, Lebenszeit vergeuden musste. Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich die Kraft, das Potential, mit dem ich ausgestattet war. Und ich sehe das Potential meiner Klassenkameraden und Freunde, sehe, dass wir uns dort wunderbar treffen konnten, begegnen konnten, kennen lernen konnten, dass aber z.B. ich während dieser Zeit permanent mit Schulängsten, mit Versagensängsten, mit Ängsten, die das Gebäude betrafen, mit Anonymität, mit Kälteempfinden, mit Schlaflosigkeit, mit Verzweiflung, Demütigungen von Seiten einiger Lehrer und mit konkreten Verletzungen von Seiten aggressiver Jungs umgehen musste, die aufgrund der Schulstruktur, der Menge an Menschen und des Stresses der einzelnen Pädagogen zustande kamen. Klar kann man da sagen: “ Da muss man durch“, „Was Dich nicht umbringt, macht Dich härter“, „Daran wächst Du“…… Nein! Rückschauend, bezogen auf die Summe der Bilder in meinem Leben, hätte ich gerne auf diese Zeit verzichtet. Nicht auf meine Freude, denn die waren ein besonderer Glücksgriff für mich, nein, bezogen auf den Umstand, dass ich in eine Schule gehen musste, die mir nicht gerecht werden konnte und die mir keine Freude, sondern nur Leid bringen konnte. Das Unterrichtspensum hätte ich locker alleine in viel kürzerer Zeit autark erwerben können. Das, was mich niemand lehrte und was ich auch nicht alleine hätte lernen können, das waren Dinge, die mir für mein praktisches Leben geholfen hätten. Für das Leben, in dem ich eigenverantwortlich Entscheidungen treffe, mein Leben selbst gestalte, meinen Tagesablauf kreiere. Handwerke, Theaterspielen, Orchesterarbeit, Erlebnispädagogik, Kunsterfahrungen, Sprachgestaltung, Choreographie, Eurythmie/ Lebensschulung/Heileurythmie….und vieles mehr. Aber das Wichtigste wäre gewesen, dass ich das Gefühl hätte haben können, in einem angstfreien Raum zu sein, der mir einen gewissen Schutz bietet, der mich entwickeln lässt ohne gezogen zu werden, der mir Zeit gibt, zu mir zu kommen, der mir das Gefühl gibt, richtig zu sein.

Es war nur eine kurze Zeit, die ich in einer solchen Schule verbrachte. Zum Glück befreite ich mich aus dieser Situation, suchte ein schönes Gymnasium auf und entwickelte mich weiter. Dort traf ich auf Menschen, die mich sahen und die mich durch Liebe förderten.

Da ich selbst nun Lehrerin bin, versuche ich mein Bestes, Kindern diese positiven Gefühle geben zu können. Und ich kann es nicht bei allen. Wie oft fühle ich mich hilflos, schlecht, weil ich nicht so handeln kann, wie ich es für das Kind für richtig halte. Nun habe ich da viele Kinder im Blick, die in meinen Augen am völlig falschen Platz sind. Es gibt so viele Förderkinder in den Schulen und es werden immer mehr. Durch die Inklusion wurde ein Sparmodell verwirklicht, welches einzig und alleine durch wirtschaftliche Ziele  initiiert wurde und wo es überhaupt nicht um „Inklusion“ geht.

Es gibt Kinder, die können ohne einen Einzelbetreuer nichts lernen, sind völlig alleine auf sich gestellt. Und es gibt unendlich viele Kinder, die so eine Einzelbetreuung nicht haben, aus welchen Gründen auch immer.
Fast alle Schulen werden mittlerweile zu Brennpunktschulen ernannt. Es brennt finanziell, ideell, menschlich, es brennt konzeptionell und  professionell. Das Kartenhaus ist längst eingebrochen. Und deswegen meine Überschrift: Eltern, geht auf die Straße, für Eure Kinder! Es darf kein Tag vergehen, an dem ein Kind nach Hause kommt und im Grunde nicht weiß, wieso es eigentlich heute in der Schule war. Ein jeder solcher Tag ist ein Tag, in dem Lebenszeit vergeudet und nicht entwicklungsgemäß genutzt wurde.
Liebe Eltern. Es geht in den Schulen schon lange nicht mehr nur um Leistungsoptimierung, vielleicht ging es auch nie wirklich darum, denn dann müsste jeder alleine zu Hause lernen, vielmehr geht es um Sozialisierung, es geht um die Möglichkeit, Räume zu schaffen, in dem etwas „abgeht“, etwas, was man nicht vergisst. Und zwar, weil man daran beteiligt war und ist. Weil man eine Stimme hat. Weil man gesehen wird, weil man etwas beitragen kann, weil man wahrgenommen wird! Und zwar jeder Mensch.

Es gibt heute überwiegend Kinder mit einem Förderbedarf in der emotionalen /sozialen Entwicklung.  Diese Kinder fallen auf. Sie sind meist hyperaktiv, oft aggressiv, unkonzentriert, eben „nervig“. Sie gehen einem auf den „Nerv“. Warum: Weil sie gesehen werden möchten, mit ihrem Schmerz, als ganzer Mensch. Ihre Leistung interessiert sie nicht die Bohne. Das alles macht für sie überhaupt gar keinen Sinn. Wie sinnlos muss ihnen diese Zeit vorkommen, wenn sie später darüber nachdenken, so wie ich das manchmal mit meinem Leben tue.
Da gibt es Förderkinder im Bereich Lernen. Ich kann mir vorstellen, wie diese Kinder sich fühlen, wenn sie Tag ein Tag aus Arbeitsblätter ausfüllen müssen oder Fibelseiten durcharbeiten, aus denen sie nicht mal die Aufgabenstellung begreifen, geschweige denn wissen, wo überhaupt die Aufgabe auf dem Blatt sich befindet. Wie fühlt man sich so hilflos, allein gelassen? Denn da ist niemand, der einem das 30 Mal erklären könnte, höchstens 10 Mal und dann sind die Kapazitäten erschöpft, denn es gibt viele Kinder mit einem Förderbedarf im Lernen. Da redet man doch lieber und stört die anderen dadurch, als dass man sich auf sein Versagen konzentrieren muss.
Du als Mutter, weißt Du, wie sich so etwas für Dein Kind anfühlt?

Dann gibt es noch Kinder mit dem Förderbedarf in der geistigen Entwicklung. Manchmal weiß man nicht, ob diese Kinder psychotisch sind oder eine geistige Beeinträchtigung haben, das kann man auch gar nicht so genau testen, weil es ja ohnehin auf den gesamten Menschen ankommt. Es gibt Kinder, die laufen in den Pausen an den Wänden entlang, um sich möglichst schnell verstecken zu können, unter einem Stuhl, unter einem Tisch, hinter einer Tür, in einem Schrank, hinter einem Blumentopf, in der Umkleidekabine einer Turnhalle. Weil diese Kinder keinen Einzelbetreuer haben, vermisst sie die Klassenlehrperson auch oft erst dann, wenn die Stunde wieder begonnen hat. Wenn das Kind dann von irgend jemand anderem „aufgegriffen“ wurde, wird es zum Stuhl hin gezerrt, weil es sich natürlich aufgrund seiner Scham dort hinziehen lassen muss…..wer geht schon gerne auf so eine Weise durch das Klassenzimmer, also geht es nur ziehend. Und das Stunde um Stunde….Man kann auch in den Pausen nicht alle  diese Kinder an der Hand halten, weil es zig andere Kinder gibt, die auseinander gerissen werden müssen, damit sie sich nicht die Köpfe einschlagen, weil Kinder vom Zaun runter geholt werden müssen, weil sie mal wieder auf das andere Grundstück wollen, weil man einem Jungen im letzten Moment die Steine aus der Hand nehmen muss, damit es diese nicht auf das gegenüber stehende Kind wirft. Weil man das Mädchen von der einen Kollegin wegreißen muss, weil es sie gerade beißt…..

Wollen Sie, liebe Eltern all diese Geschichten hören, in denen Sie erfahren könnten, dass ihr Kind gerade vor einem solchen Steinschlag von irgendeinem Lehrer gerettet wurde? Möchten Sie hören, dass Ihr Kind die ganze Pause über von anderen Kindern im Klo festgehalten wurde?

Jede dieser Geschichten ist eine Geschichte zu viel. Kein Kind sollte in eine solche Situation geraten, weil irgendwelche Theoretiker behaupten „Inklusion“ sei möglich, ohne dass Strukturen, Gebäude, Räume, Stundenpläne, Stundendeputate, Gehälter, Personalfragen usw. sich ändern?

„Machen Sie mal, Sie schaffen das!!!“

Ja, die, die das schaffen müssen, sitzen in den Schulen und haben es schwer. Ist es vergeudete Zeit? Wie werde ich diese Zeit empfinden, wenn ich über sie nachdenke? Soll ich Ihnen sagen, wie ich darüber denke? Es wird sich an dieser Situation nichts ändern, es wird sogar noch viel schlimmer. Solange die Eltern nicht massiver vorgehen, solange sie nicht für die gewaltfreie Beschulung und Bildung ihrer Kinder massiv eintreten, solange sie ihre Kinder weiter in die Schulen geben und nicht „nein/stopp!“ sagen.
Nicht nur untereinander auf dem Parkplatz, das reicht nicht.
Es gibt viele Lehrer, Menschen, die sich täglich um Ihre Kinder sorgen, sich bemühen, das Beste aus dem Ganzen heraus zu holen. Liebevoll.Unterstützen Sie den Raum der Kinder, der ein wunderbarer Raum sein kann.

Aber das reicht nicht.

Ein spannender Weg ist es, gemeinsam strahlen zu können.

Die Waldorfpädagogik, so wie sie von Steiner in seiner ersten Schule 1919 in Stuttgart angedacht war, hat sich bis heute um den ganzen Erdball verteilt. Es gibt Waldorfkindergärten, Waldorfschulen, anthroposophische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, Demeter Bauernhöfe, Heilpädagogische Waldorfeinrichtungen, Werkstätten, niedergelassene anthroposophische Ärzte, Heileurythmisten, Banken, anthroposophische Krankenhäuser, Geburtshäuser, gemeinschaftliche Unterkünfte für den älteren, hilfebedürftigen Menschen und mehr. Die Eurythmie hat sich in den letzten Jahren, als fester Bestandteil der Anthroposophie in mehreren Facetten publiker gemacht und tritt nicht nur in Waldorfschulen, sondern auch in der Öffentlichkeit selbstbewusster auf.
Diese Einrichtungen haben vieles gemeinsam. Innerhalb der verschiedenen Institutionen lebt ein bestimmter Geist, mit dem sich Menschen verbunden fühlen, die ihren Dienst dort tun.
In allen Institutionen kommen viele Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer kulturellen Prägung, ihrer Sprache und Religion zusammen , die sich gemeinsam einer Sache zuwenden, nämlich den Menschen in seinem ganzen Sein: Im Körperlichen, im Geistigen und im Seelischen  anzusprechen und zu erreichen.

Man trifft sehr unterschiedliche Menschen dort an, in unterschiedlichen Altersstufen, Reifegraden, Charakteren, Umgehensweisen, individuellen Fähigkeiten und Erscheinungsbildern.

Das, was mich persönlich Zeit meines Lebens begeistert hat, nicht nur in diesen Kreisen, sind Erlebnisse mit Menschen, die meinen Kindern und mir gegenüber vorurteilsfrei, offen, interessiert, empathisch und mitfühlend waren.
Ehrlich gesagt waren dies so viele Menschen, dass ich mich an alle erinnern und einzelne, konkrete Beispiele nennen kann. Das möchte ich nun auch gerne tun.
Mein erstes Erlebnis in diese Richtung war mit 4 Jahren. Ich saß bei meiner Lieblingsnachbarin eine Etage über uns und durfte mit all ihren Freunden Kaffetrinken, sprich: Kuchen essen … Ich fühlte mich in der Runde der Erwachsenen und älteren Menschen sehr wohl und gut aufgehoben, obwohl ich nur meine Nachbarin kannte. Da war ein älterer Mann, der mir ein Märchen erzählte und darüber mit mir ins Gespräch kam. Seine Fragen zum Inhalt des Märchens haben mich offenbar so sehr berührt, dass ich das unglaubliche Interesse seinerseits an meinen Gedanken als nährend empfand, ohne es damals hätte beschreiben zu können.
Das zweite Erleben war mit der Mutter meiner Freundin, ich war 5 und wollte bei ihr übernachten. Als es dann so weit war, bekam ich plötzlich Heimweh und wollte wirklich sofort nach Hause. Die Mutter meiner Freundin kam in das Zimmer und ging liebevoll auf mich ein. Sie nahm mich auf den Schoß, was sich schon wunderbar anfühlte und fragte mich genauer, was denn los sei. Als sie erkannte, dass ich ganz wirklich unbedingt nach Hause wollte, brachte sie mich zurück.
Mit 10 ging ich, wie fast alle, in die 4. Klasse einer Grundschule. Meine Lehrerin war so nett, herzlich, lächelnd, ruhig, abwartend, unterstützend und liebevoll, dass ich niemals ungern in die Schule ging in dieser Zeit (später war das komplett anders).
In der 12. Klasse bekam ich einen Chemielehrer, der wiederum eine ähnliche Wärme und Ruhe ausstrahlte, wie der Bekannte meiner Nachbarin früher, ich hatte sofort Vertrauen und liebte die Stunden bei ihm. Meine Leistungen im Fach Chemie waren katastrophal, ich hatte Chemie dennoch als Leistungskurs gewählt eben genau wegen dieses Lehers. Er unterhielt sich vor den Stunden interessiert mit uns Jugendlichen, über unsere Fragen zum Leben, zur Wirtschaft und Politik, er ermutigte uns, uns einzusetzen und gab uns das Gefühl, dass wir wichtig seien für die Welt. Ich schrieb bei der Abi-Clausur eine glatte 5- und musste dann ins mündliche Abi. Dort erhielt ich von drei Lehrern eine 1, weil ich echt gut vorbereitet war und bestand das Abi.
In der Uni begegneten mir einzelne, recht strahlende und karismatische Dozenten. Es war herrlich, mit ihnen zu diskutieren und im Fluss zu sein mit der ganzen Welt, so, wie ich es damals empfand. Meine Unizeit war geprägt von derartigen Erfahrungen und es war ein gutes Leben für mich mit all diesen tollen, wunderbaren, intelligenten, außergewöhnlichen, spannenden und interessierten Menschen.
Überwiegend faszinierten mich Männer mit ihrer Wärme. Erst nach der Geburt meiner ersten Tochter, lernte ich eine Sikh-Yoga-Lehrerin kennen, bei der ich gleichsam fühlte, was ich selbst bei anderen Frauen, auch bei meiner eigenen Mutter, leider nicht, wahrnehmen konnte. Eine unglaubliche Herzenskraft. Eine Ausdehnung, die sich körperlich bemerkbar machte.
Und später, als ich meine erste Tochter im Waldorfkindergarten anmeldete, da erlebte ich diese sich ausdehnende Herzenskraft nicht nur in den Pädagogen, sondern im ganzen Raum, in jedem einzelnen Teil, was sich dort befand. Es war ein Erlebnis, als wäre ich wirklich im Herzen angekommen. Und das war großartig, überwältigend.

Wie nur könnte ich eine solche Herzenswärme selbst auch entwickeln, so dass sie ausstrahlen kann in meine Umgebung? Das Studium von einigen Werken Steiners, auch während meiner Waldorflehrerausbildung im Anschluss an mein 2. Staatsexamen, brachte mich da noch nicht weiter.
Ich machte eine Yoga-Lehrer-Ausbildung, danach lernte ich Reiki und machte sogar eine Meisterausbildung, begann eine Craniosacral Massage- Ausbildung / Neurologie/ Psychiatrie und da entwickelte sich unglaublich viel in mir. Nach all diesen Ausbildungen hatte ich das Gefühl, lieben zu können. Ja, ich hatte es gelernt. Nur. Kam das auch rüber? Haben andere Menschen das auch wahrgenommen? Konnte ich das in mein Leben bringen? Über den Tellerrand meiner Familie hinaus? Ich eröffnete eine Heilpraxis und machte eine Heilpraktiker-Prüfung für den Bereich Psychotherapie, denn ich wollte lernen, üben, mich weiter entwickeln. Nahm Supervisionsstunden, arbeitete meine eigene Kindheit auf, lernte wiederum eine unglaublich tolle Heilerin und Ärztin kennen, die mich immer wieder ermutigte, meinen eigenen Weg zu gehen und den auch in die Welt zu bringen. Ich wandelte meine gesamte Organisation um, empfand es wie eine Transformation, ich wurde empfindungsgemäß zu einem völlig anderen Menschen. Und mit diesen Erfahrungen traute ich mich dann, irgendwann, eine erste Klasse an einer Waldorfschule zu führen. Ich wollte so sehr meine Liebeskräfte strömen lassen, zu den Kindern hin. Und ja, ich war angekommen, es gelang. Nur, meine nun ausgebildete Sensibilität führte dazu, dass ich nicht zu allem ja und Amen sagte. Ich stand ein für mich. Im Kollegium, bei den Eltern. Ich war mir treu und brachte dies auch zum Ausdruck. Mit der Konsequenz, dass ich heute, nach so vielen Jahren, noch nicht an einer Waldorfschule angekommen bin, nicht an einer von den vielen, die ich kennen lernen durfte als Klassenlehrerin.
Ich bin an einer staatlichen Schule und arbeite so, wie ich das für die Kinder und mich verantworten kann. Halte den Lehrplan ein und arbeite überwiegend aus dem Künstlerischen heraus, mit Waldorfinspiration, epochal, mit sinnigem Material und Herzenskraft. So gut es mir eben gelingt.

Aber: Ich bin meistens sehr enttäuscht über mich, weil es so viele Momente gibt, an denen ich nicht wirklich präsent, geistesgegenwärtig oder liebevoll genug bin. Damit ich mich darüber nicht allzu arg ärgere, versuche ich es jeden Tag auf´s Neue. Immer wieder zwischendurch werde ich dann krank, halte inne, bis ich wieder aufstehen kann, um es neu zu versuchen.

Ich frage mich also täglich, wie ich mich selbst weiter entwickeln kann, um anderen Menschen genau diese Offenheit, Empathie und vorurteilsfreie, mitfühlende, interessierte Haltung gegenüber entgegenbringen zu können, wie diese, die ich so sehr an anderen Menschen begehre und die ich durch die vielen Waldorfeinrichtungen kennen und schätzen lernen konnte. Welch ein Geschenk!
Es ist die Sprache, die bedachte, bewusste Sprache. Es ist die Kunst des Sprechens, die zu gleichen Teilen Inhalt und Wirkung erzeugt, plastische Bilder. Ruhe, es ist Geduld, bedachte Gesten, durchdachte Gesten, die ebenso eine Wirkung haben,  insbesondere für Kinder im ersten Lebensjahrsiebt.

Es ist ein fortwährender Übungsweg. Anstrengend, erhebend, konfrontierend, es ist ein Weg. Für mich lohnt er sich, denn es gibt Hoffnung, das wundervolle, strahlende Licht des eigenen Individuums mit den Strahlkräften der anderen Individuen zusammen zu entzünden. Immer mal wieder, manchmal. Und das ist der Geist, der die verbindet, die das Leben lieben.