Die Art des Schauens ist eine andere

Wie kann man eigentlich mit wenigen Worten beschreiben, was so anders ist, wenn man Kinder in dem wahrnimmt, was sie hervorzubringen in der Lage sind?

Oftmals wird, gerade in der Schule, ein Kind nach seinen Leistungen beurteilt. Da wird geschaut, wie es schreiben, lesen und rechnen kann und wie es sich innerhalb der Klassengemeinschaft verhält.

Oftmals ergeben sich dann daraus Defizite, weil das Kind ja hier und dort Schwierigkeiten hat.

Unabhängig von diesen Schwierigkeiten jedoch gibt es etwas ganz Eigenes, was wie ein Zauber aus dem Kinde heraus zur Wirkung kommt im Sozialen, in der Begegnung mit anderen Menschen/ Kindern, im Spiel, beim Sport, beim Tanz, beim Yoga, in der Musik, beim Malen usw.
Schaue ich also lediglich auf die einzelnen Defizite beim Kind, dann habe ich den Anspruch, individuell zu unterstützen und auf diese Defizite einzuwirken, damit sie möglichst bald behoben sind oder Entwicklung in Gang gebracht wird.
Schaue ich auf das, was mir beim Kind sonst noch entgegen kommt, dann ist dies besonders interessant im Zusammenhang mit der Klasse, der Lerngruppe. Wie nehme ich also als Lehrer die Kinder wahr und was ergibt sich daraus für meinen Unterricht?

Wenn ich mir da so meine Rabauken vergegenwärtige, dann sehe ich unglaublich viele Wirbelwinde, die ebenso viel Energie und Eigendynamik haben wie eine aufbrausende Welle im Meer. Diese Welle, die ich da in meinem Unterricht auffange, die kann ich nutzen und sich entwickeln lassen, indem ich zwar führe, aber doch weitgehend in der Wahrnehmung, nicht aber im Urteil bleibe. Meine Aufgabe ist es, diese quirlige Welle von hoch potenzierten, einzelnen Kindern auf ein Thema hinzuleiten. Ich betrachte dann alle gleichsam und nicht jeden Einzelnen für sich. Ich nehme sie alle in meine Aufmerksamkeit , spreche sie natürlich bei Bedarf individuell an, aber bleibe in der Wahrnehmung des gesamten Geschehens. Wie aus einem Strom kommen dann situativ von Außen helfende Eingebungen, die es mir ermöglichen, den Unterricht immer wieder neu zu greifen und flexibel im Tempo zu gestalten.
Obwohl es täglich in meinem Unterricht feste Rituale gibt, an denen sich die Kinder orientieren, ist alles möglich, was in jedem einzelnen Moment sich neu ergeben kann. Jede Inspiration, die ein Kind hinein bringt, sei es durch einen Blick, eine Geste oder eine Abneigung, nehme ich als Lehrerin wahr und schöpfe daraus fruchtbare methodische Kniffe.

So kann sich ein einstudiertes Singspiel spontan ändern oder ein Kreisspiel erhält eine neue Regel. Es kann aber auch sein, dass wochenlang der gleiche Ablauf wie eine Heilung für die Kinder als Konstante erhalten bleibt. Abhängig ist das von der Atmosphäre im Raum, von dem, was die Kinder mitbringen an Impulsen und Ausstrahlung, die ich in jedem Moment wahrnehmen möchte, so dass sich auch jedes Kind angeschaut und wahr genommen fühlt.

Da ich epochal arbeite, beschäftigen wir uns als Klasse entweder mit dem Rechnen,   mit Deutsch oder Sachkunde und mit dem Zeichnen von geometrischen Formen.  Es sei denn wir machen unseren Bauernhofausflug, haben Sport oder Musik, Kunst , Handarbeit oder Malen. Drum herum hält das Ganze der Rhythmische Teil und der Märchenabschluss am Ende eines Schulvormittages (zumindest jetzt in der ersten Klasse).

Diese feste Struktur bietet Halt und ermöglicht mir, die Klasse als Ganze wahrzunehmen und als solche auch zu fördern und zu fordern.
Meine Arbeit ist rund, fühlt sich heilsam an und ermöglicht den Kindern, sich frei und sorgenlos zu entfalten. Obwohl sie konsequent zur Arbeit angehalten werden und dies auch tun, haben sie wohl nicht den Druck, wie das ohne diese Form empfunden wird.

Es ist erstaunlich, zu welchen Leistungen sie fähig werden, wenn ich sie nicht voreilig auf ihre Defizite reduziere. Wenn ich in einer ersten Klasse heute bereits die Aufgabe: 19- 6= 13 weil 13+6=19 ist rechnen kann und auch die Kinder in der Lage sind, diese Aufgabe ordentlich, deutlich und lesbar in ihr Heft schreiben können, obwohl viele Kinder einen Förderstatus haben, nicht deutschsprachig aufwachsen und vielleicht nachts im Asylantenheim schlafen, nehme ich sie alle als Teil der Klasse mit.

Es fühlt sich rosa an, wenn ich eine Farbe dafür nennen soll. Und wenn diese Kinder dann zusammen mit mir ein drei strophiges Flöten- und Gesangsstück in der Lage sind zu spielen, dann festigt sich in mir die Behauptung, dass dies der wirklich richtige Weg ist, der Inklusion, Vielsprachigkeit und Differenz eine gemeinsame Schwingung zu geben, durch die Art und Weise, auf die Kinder „anders“ zu schauen. Eine Entwicklung also anzustreben, die sowohl jedes einzelne Kind mit all seinen Individualitäten, als auch die gesamte Klasse betrifft und zu einem Ganzen zusammen fasst.

Ich liebe diese Arbeit. Ich liebe es zu sehen, wie stark Kinder sind und wie großartig sie sich entwickeln können, zum Wohle aller Menschen, Pflanzen; Mineralien  und Tiere.

Als Beispiel zeige ich hier ein gelungenes Beispiel von Inklusion aus der Waldorfschule in Emmendingen. Ganz besonders rührend sind in dem Video die Schülerkommentare. Da bekomme ich Mut,meinen Weg weiter zu gehen, wenn ich solche tollen Menschen erleben kann. :

http://www.waldorfschule-emmendingen.de/de/paedagogik/die-klassenteamzeit.html

http://www.geistesleben.de/buecher/9783772514159/inklusion-vielfalt-gestalten

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