Wenn man Saaten sät

„Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt,

er hält seine Felder und Wiesen instand;
er pflüget den Boden , er egget und sät

und regt seine Hände früh morgens und spät…..“

Es wird viel Saat angesät gerade. Welche davon wirklich aufgeht, ist die Frage. Der Boden muss bereitet sein, die Witterungsverhältnisse entsprechend günstig und die Sterne sollten gut stehen, um möglichst viele kleine Samen in ihrem Prozess zu unterstützen.

In den staatlichen Schulen werden jedes Jahr neue Lehrer eingestellt. Die meisten von ihnen haben diesen Beruf gewählt, weil sie eine Vision haben. Sie wollen mit ihrer Kraft, mit Kopf, Herz und Hand dafür eintreten, dass Kinder sich in der Schule positiv entwickeln können.
Und dann erleben diese Lehrer, auch während der Ausbildung ja oft schon,  einen Schock.

Man hat sich das Schulleben anders vorgestellt. Jedenfalls nicht so, wie es nun mal ist.

Ich kann nun nicht von anderen Lehrern sprechen, erleben tue ich, dass sie nach einiger Zeit ihre Vision verdrängt haben und sich an die offen kundige Schul-Realität angepasst haben, um zu überleben, um weiterhin als Lehrer arbeiten zu können. Denn sicherlich gibt es ja auch einige schöne Momente, Erfolge, auch wenn sie noch so klein sind…

Ja, Erfolge gibt es. Insbesondere erlebe ich diese Erfolge in den Kindern, die ich unterrichte, aber wohl nur deshalb, weil es mir wichtig ist, dass die Kinder sich nach einem Schultag gut fühlen. Sie sollen nicht mit dem Gefühl nach Hause gehen „das und jenes kann ich nicht…“, sondern erlebt haben, wie sie sehr stark Anteil nehmen können an der Entwicklung eines Tages, wie sehr sie ihn mitgestalten können und dabei  häufig positive Entwicklungsprozesse machen können.
Sie sollen doch erleben, dass sie wertvoll sind und Tatkraft auch umsetzen können, sie sollen erleben, wie schön es sein kann, gemeinsam etwas zu tun. Und das erleben sie bei mir. Ich arbeite mit Elementen aus der Waldorfpädagogik, lasse Tanz, Theater einfließen, Yoga, Kunst, Handwerk und Musik, so oft es geht. Denn aus diesen Quellen schöpfen sie dasjenige, was ihnen Aufrichtekräfte geben kann. Sie erleben, dass sie nützlich sind und die Welt mit gestalten können.
Ich weiß nicht, welchen kleinen Knirps ich da vor mir habe, der da auf der 2. Schulbank sitzt und ständig abhauen will….um wieder gefunden zu werden… Nein, ich weiß nicht, ob er vielleicht einmal den Friedensnobelpreis erhalten wird. Aber ich muss  in einem kleinen Knirps die ganze Welt sehen wollen, alle Möglichkeiten, alle Kräfte und ganz viel Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen  und Liebe.
Das alles kann ich ihm ganz schnell durch meinen Blick entreißen….dieses Gefühl von Großartigkeit. Auch, indem ich es nämlich nicht mit künstlerischen Medien hervor- und herauslocke, das Individuelle, das Kostbarste, was es gibt. Indem ich ein Kind mit herkömmlichen Fibeln, Sprach- und Mathebüchern abfertige, ihn nicht mit seiner eigenen Hände arbeiten lasse, sondern nur Kopien ausfüllen lasse, Kärtchen aneinander legen lasse usw. denn in dem Fall erlebt sich das Kind heute im Grunde als unfähig, als eingeschränkt und beschränkt.

Schulbücher werden nur in wenigen Fällen aus der Praxis gemacht, denn mit einer kleineren Auflage ist es natürlich teurer, gute , praxisnahe und förderliche Materialien zu produzieren. Die meisten Schulbücher entstehen als „Kopfgeburt“, ohne Bezug und Verständnis vom Wesen eines sich heran wachsenden Kindes. Das erlebe ich täglich, wenn ich sehe, wie die Kinder über einzelne Aufgaben verzweifeln, weil sie sie schlichtweg nicht verstehen. Manchmal fällt es sogar mir schwer, zu verstehen, was da eigentlich gewollt wird….Überall Symbole….nach denen man sich orientieren muss….viel Schriftsprache, die Kinder noch gar nicht entschlüsseln können… Dadurch entstehen große Unsicherheiten und Abhängigkeiten von Helfern, die nicht anwesend sind. Und wenn man weiß, dass es auch andere Bücher gibt, viel bessere, dann verzweifelt man doch an der Tatsache, dass gerade diese Materialien nicht angeschafft werden, obwohl klar ist, dass Kinder damit entwicklungsgemäßer und sinniger lernen könnten.
Die Buchauswahl trifft nicht etwa der Senat oder das Kultusministerium. Nein, die trifft das Team aus dem Kollegium. Und da wird durch Mehrheitsentscheid entschieden. Da kann man gar nichts machen…..nur überzeugen….und das geht eben nicht, weil der Preis letztendlich siegt! „Ne, das ist zu teuer“! Na und ?

Wir haben in allen Schulen Inklusion, auch an Brennpunktschulen. Wir haben fast 2/3 . Kinder mit Förderbedarf. Wir unterrichten alle mit den gleichen Materialien, weil alles andere wäre teurer.

Es ist ein Wahnsinn, der da geschieht in den Schulen, ein Wahnsinn! Lehrer ohne zusätzliche Pädagogen sollen eine Klasse alleine unterrichten…..
Das geht nur , wenn es eben anders gehen kann, ohne Mehrheitsentscheide oder Standards. Und zwar so, wie jeder Lehrer sich das zutraut. Jedem Lehrer muss es möglich sein, selbst zu entscheiden, wie man und mit welchen Mitteln man Lernziele erreicht.

 

Es ist so schade um die schönen Ideen der Pädagogen, die wirklich mit einer großen Strahlekraft an der Welt rütteln wollen, wenn sie in den Beruf einsteigen und dann langsam und stetig verblassen, keine Kräfte mehr haben, ins Burnout hinein fleißen oder sich ganz von dem Beruf verabschieden und vielleicht zum Hartz 4 Empfänger werden, mit all dem in ihnen brach liegenden Potential….

„Solche kreativen Leutchen müssen in das staatl. Bildungswesen, in die Unis, überall hin….und sie müssen gelassen werden mit dem, was sie zu sagen und insbesondere zu tun haben….“Lasst sie bitte einfach machen und beobachtet, was geschieht.

Damit die Saat aufgeht und das Neue, sich fort Entwickelnde sich verbreiten darf, gerade im Bildungssystem.

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Manchmal kann ich einfach nicht mehr….und dann? …Kommt von irgendwo ein Lichtlein her

Heute war so ein Tag.
Die ersten beiden Unterrichtsstunden liefen wunderbar. Gestern erzählte ich meinen Schülern die Geschichte von der „Qualle Quentin“, die der Wahrsagerin „Walli Wehmut“ ( erfunden von Christph Bai/ Waldorfschule Schwerin) oft hilft, wenn ein Rätsel gelöst werden muss oder eine Person gefunden werden soll.Ganz unbemerkt erlernten die Kinder so den Laut „Qu“ kennen. In einem darauf folgenden Tafelbild konnten wir sehen, wie schön eine Qualle aussehen kann und wie sehr sie die Gewässer durch ihre tänzerischen Bewegungen und ihre wunderschöne Ausstrahlung bereichern kann. Das Wasser, in dem sie schwimmt, ist hell erleuchtet von ihrer Gabe, andere Wesen verzaubern zu können.

Heute griff ich dann den Laut aus dem Tafelbild und der Geschichte heraus und schrieb wiederum ganz groß und deutlich in Form eines schönen Tafelbildes diesen an die Tafel. Zusätzlich schrieb ich  einige bunte Zeilen an, so dass die Kinder den neuen Laut nochmals verkleinert schreibend üben konnten, in ihrem eigenen Heft.  Das lieben sie.

Wenn Kinder schon schneller als andere damit fertig wurden, durften diese in ihrer Fibel weiter arbeiten, um auch dort genau diesen Buchstaben mit anderen Buchstaben zu verbinden und dadurch lesen üben konnten. Zwei schöne Stunden, die nach einer Pause verlangten.
Ich hatte Aufsicht. Offenbar war es gerade heute nun für viele Kinder außerhalb meiner eigenen Klasse, sehr anstrengend. Sie prügelten sich zum Teil so stark, dass man sie kaum „einfangen“ oder auseinander bringen konnte. Ich weiß gar nicht, wie oft ich einem 6jährigen Schüler aus einer Paralleklasse hinterher lief und ihn dennoch nicht fangen konnte. So schlug er immer weiter seine vorbei kommenden Opfer und verursachte körperlichen und seelischen Schaden.
Aber es blieb nicht bei diesem einen Schüler, es gab an jedem Platz, überall Verletzungen, Geschreie, furchtbare Tragödie, Lautstärke, verzweifelte Verletzte. Und dann klingelte es, die Kinder mussten wieder hinein.Puh, auch für uns Lehrer war das keine Pause, ich überlegte schon auf dem Weg in meine Klasse, wie ich nun meinen Unterricht beginnen könne. Ich war total erschöpft und fühlte eigentlich nur Ohnmacht. Konnte nicht denken, nicht wirklich handeln.Mit dem Wunsch, dass die zuständigen Klassenlehrer sich um die Jungs kümmerten, die ich natürlich verständigte.
Meine Kinder kamen alle im Klassenraum an und sie merkten, dass mit mir etwas nicht stimmte. Meine Klassenhelferin war auch zugegen und brachte eine Plastiktüte mit, ich wusste noch nicht, was darinnen war.
Nun sprach ich kurz mit den Kindern über das aggressive und lautstarke Verhalten vieler Kinder aus den anderen Klassen. Sie waren auch sehr berührt von diesem Verhalten und fanden es nicht gut, dass so viele unschuldig verletzte Kinder nun in den übrigen Klassen saßen. Wie solle man nun umgehen mit den Jungs, die das angerichtet hatten? Es kamen viele Ideen zustande….

Meine Klassenhelferin packte ihre Plastiktüte raus. Sie brachte gebrannte Plastizierarbeiten ihrer Kinder von früher mit. Einen Hasen, einen Kerzenständer, eine Murmelbahn, mehrere Becherchen und stellte diese vereinzelt auf einige Tische vor die Kinder.
Ich hatte mich inzwischen beruhigt und schnitt den Ton auf, den ich eigentlich für den heute Abend anvisierten Elternabend dort vor Unterrichtsbeginn in die Klasse legte. Dann verteilten wir den Ton und begannen zu plastizieren. Zuerst eine Kugel, daraus entstanden dann nach mehreren Anläufen und gescheiterten Probeversuchen wunderschöne Küken, kleinste Vögelchen, die so echt aussahen, als würden sie sofort los zwitschern! Und allen ging es wieder gut, wir waren alle in der Mitte. In unserer Mitte.

Meine Klassenhelferin hat mich wieder einmal sehr entlastet, mich „gerettet“, mir geholfen, es richtig zu machen.
Eigentlich war „Yoga“dran. Aber das wurde ja nun spontan anders.

Dort, wo es Klassenhelferinnen gibt, da möchte ich Licht hinschicken, ich möchte mich verneigen vor ihrer großen Hilfe und Wirksamkeit!

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Und danach gab es noch zwei Stunden. Einmal Musik in der Parallelklasse, zu der zum Glück die Klassenlehrerin dabei war (es geht dort nämlich so gut wie gar nichts, wenn alle 23 Kinder gemeinsam kommen/ eben aufgrund der vielen Kinder, die eben auch unten auf dem Schulhof waren)  und danach eine Förderstunde.

Ein voller Vormittag, ohne eine Pause von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr. Heute Abend ist Elternabend und ich bin gespannt, wie sich dieser anfühlen wird. Übrigens: Auch dort ist meine Klassenhelferin dabei  und meine Erzieherin, also wir treten als gemeinsames Team auf in dieser Brennpunktschule, mitten in Berlin .  Alleine geht das heute nicht mehr!

Und immer wieder auf den Bauernhof….

Jeden Mittwoch geht es ab auf den Bauernhof. 22 Kinder, eine Erzieherin, eine Klassenhelferin und ich, als Lehrerin.
Der Weg dorthin, zu Fuß, nimmt 25 Minuten in Anspruch. Ein Weg, der durch Wohnghettos führt, an befahrenen Straßen entlang und auf „verkackten“ Fußwegen. Aber dennoch gehe ich ihn mit den Kindern. Einmal in der Woche. Bereits ab der ersten Woche der Einschulung.
Warum?
Wir gehen zusammen, wir halten uns an den Händen, wir gehen langsam oder schnell, wir achten auf die Kacke, wir umgehen diese, gemeinsam. Wir springen über kleine Bäche, wir kraxeln durch das Baum- und Strauchgeäst, wir fassen uns immer noch an. Wir versuchen, in einer Gruppe zu bleiben, beisammen, wir hören zu, wenn ich etwas sagen will/ muss. Wir hören überhaupt aufeinander,weil das eben sein muss, wenn man zusammen ist.
Wir haben Durst, gemeinsam. Und wir freuen uns, wenn wir angekommen sind-auf dem Bauernhof. Dort gehen wir immer die gleiche Runde. Nun schon 7 Monate lang. Zuerst an den Lamas vorbei, dann zu den Wollschweinen, den Hasen, den Meerschweinchen, den Ziegen und Schafen, den kleinen und großen, bei den sich verändernden Gemüsebeeten vorbei, die gerade frisch gemacht werden. Dann zu den Ponies, auf denen noch nie einer von meinen Schülern geritten ist…

( Wie war das doch mit meinen eigenen Kindern?, die mit 6 schon irgend welche Ponies von irgend welchen Bauern im Wald oder auf dem Lande versorgten und beritten? )

Für diese Stadtkinder ist es so etwas Besonderes, Unglaubliches, fast Verträumtes, wenn wir diesen Gang jede Woche machen. Es ist mein Sachkundeunterricht, erlebbare, außerschulische Lernorte….Was fressen die Tiere? Was brauchen sie und die  Pflanzen, wie verändert sich die Vegetation im Laufe der Jahreszeiten? Das alles und viel mehr erleben sie hautnah, alles, was sie aufschnappen können.
Und der Höhepunkt vor dem anderen Höhepunkt ist der, wenn die Kinder um ein rundes Silo herum die Singspiele und Reigen tanzen und singen, die ich ihnen in den vergangenen 7 Monaten beigebracht habe. Da singen und tanzen sie zusammen „Ja so wickeln wir…“ oder „O Katerlischen“, „Wir schließen das Tor, wir öffnen das Tor“, „Und ein und aus zum Fenster…“ und zum letzten Höhepunkt, zum hohen Berg hinauf, gemeinsam rennen und sich oben in einer Reihe hinstellen, das Lied „Hoida hoida, de hoida…..“singend und stampfend .
Ich empfinde das als gelungene Inklusionsarbeit, denn immerhin sind in meiner Klasse ca. 3 Deutsche und 19 Migranten, 20 Kinder mit einem Förderbedarf und 3 ohne…Es sprechen einige kaum Deutsch, aber singen tun sie alle.

Der Weg zurück zur Schule ist fröhlich, die Kinder sind erfüllt, haben Durst und rote Wangen…Es bringt uns allen große Freude. Und ich erlebe dabei das große Potential, welches in jedem dieser Kinder steckt.

Wohin nur mit all den Gefühlen?

 

Heute in der Pause schlugen sich zwei Jungen auf dem Schulhof so arg, dass sich um sie herum eine ganze Kindergruppe versammelte und sie lautstark beide Namen der Jungs riefen.
Ich stürmte hin und konnte um ein Haar vermeiden, dass der Eine den Anderen mit dem Fuß in´s Gesicht trat. Ich hielt einen von den Jungs fest, von dem ich spontan annahm, dass er der aggressivere, geladenere sei.Ich hielt ihn feste und hielt ihn einfach…loslassen konnte ich ihn nicht, dann wäre er zu dem anderen Jungen gerannt, um ihn weiter zu schlagen. Sooo viel Aggressionen in diesem Kerlchen, so viel Schmerz. Da ich Pausenaufsicht hatte und da noch andere 200 Kinder waren, rief ich eine Kollegin, die ihn dann, festhaltend mitnahm, in seine Klasse.Er ließ sich von mir die ganze Zeit festhalten, ohne mich zu treten, das passiert ja sonst sehr oft.
Ich nahm aber, so erkannte ich unmittelbar danach, seine ganze Energie auf mich und musste diese erst mal wieder abschütteln.
Kurz darauf rannte ein Mädel aus meiner Klasse mit einem schönen Briefchen zu mir und rief „Schau mal, meine Freundin hat mich zu ihrem Geburtstag eingeladen! Sie spricht nur arabisch und ihre Familie kommt auch aus dem Jemen und ihre Mutter ist mit meiner Mutter in die Schule gegangen! „
Wow, beiden Familien waren unabhängig von einander geflüchtet. Und beide trafen sich in unserer Schule, da dort beide Töchter eingeschult wurden. Das ging mir so nah, dass mir Tränen in die Augen schossen, weil ich mich so für dieses Mädchen freute, sie schaute so innig in meine Augen und spürte wohl meine Anteilnahme. So weit gegangen und dann doch jemanden Bekannten wieder getroffen, das ist doch wirkliches Glück!