Leistungsanforderungen und Realität- Durch Yoga?

In den Medien wird immer wieder zum Thema „Leistungsanforderungen und Realität“ berichtet

In der Schule wird den Eltern gesagt, welche Dinge ihr Kind innerhalb der ersten zwei Jahre und darüber hinaus dann beherrschen „muss“. Leistungsbeurteilungen, Zeugnisse, Prüfungen usw. bestätigen dann das Resultat. „So weit hast Du es geschafft, das musst Du noch üben…“
Es werden da Bereiche genannt, die innerhalb der zu unterrichtenden Fächer kennen gelernt, geübt und gefestigt wurden, so lange, bis sie eben gekonnt werden.

Wie soll das funktionieren, bei der Heterogenität innerhalb der Klassen? Bei Kindern, mit unterschiedlichen Förderbedürfnissen, mit Kindern, die kaum Deutsch sprechen und so unterschiedliche Lernvoraussetzungen haben?

Es gibt nun Lehrer, die zusätzlich Bereiche und Lernfelder in ihren Unterricht integrieren, damit die Kinder all diesen Anforderungen gewachsen  bleiben und  die im normalen Stundenplan gar nicht stehen. Z.B. wird an vielen Schulen das Fach Yoga unterrichtet, ohne dass es im Stundenplan verankert ist. In Meckl. Vorpommern gehört es mittlerweile zu den Schulfächern. Das ist besonders angenehm, besonders für die Kinder, denn natürlich hilft ihnen das, sich durch die Kompetenzen, die sie durch das Yoga erlangen, in den anderen Fächern besser konzentrieren, fokussieren zu können und es hilft ihnen ganz real, einen klareren, offeneren und geschmeidigeren Körper zu bekommen. Was heißt das konkret? Ein geschmeidiger Körper? Wozu soll das gut sein?

Durch Yogaübungen, in denen der Körper von unten bis oben durchgearbeitet wird, werden Verhärtungen in den Muskeln und Gelenken, im Bindegewebe und in den Meridianen, die für das energetische Gleichgewicht im Menschen verantwortlich sind, bewegt, angeregt, in den Fluss gebracht.

Wenn Kinder spielen, dann bewegen sie sich ohnehin viel und aktivieren ebenso all diese Bereiche, was ist der Unterschied zum Yoga? 

Im Spiel bewegt das Kind sich frei, unabhängig, wie von selbst, ohne darüber nachzudenken, es spielt. Es überschreitet auch Grenzen, überwindet sich wie von selbst etwas zu tun, was es vorher noch nicht getan hat wie z.B. auf einen Baum zu klettern, eine schmale Brücke zu überqueren oder von einem Stein auf den anderen zu springen. Es läuft schnell oder langsam, kriecht und krabbelt gerne, rollt auf dem Boden hin und her und runter und rauf….Ja, je mehr ein Kind diese Bewegungsmöglichkeiten ausleben darf und kann, desto freudiger, offener und motivierter wird es sein.
Beim gemeinsamen Yoga- Üben in der Klasse ist es etwas anders. Dort wird ganz bewusst gemeinsam geübt, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und innerhalb einer Gruppe von Menschen, die sich gut kennen. Da gibt es einen Lehrer, auf den man sich einlässt und den man als Autorität annimmt. Durch den Lehrer, der seine Schüler wahrnimmt und durch eine Reihe von Übungsreihen führt, begibt sich die Gruppe in einen Energiefluss, der eine gewisse Entwicklung nimmt. Diese Entwicklung ist immer anders und hängt von den einzelnen Kindern sowie auch vom Lehrer ab. Der Lehrer geht ganz intuitiv auf seine Schüler ein und nimmt sie mit auf eine Reise, in der es nicht darum geht, eine bestimmte Leistung zu erbringen, sondern darum, gemeinsam an einer Sache dran zu sein und diese individuell und gemeinsam zu lösen. Dabei erlebt der einzelne Schüler sehr individuelle Dinge, über die im Anschluss an die Stunde auch kurz gesprochen werden kann. Der Schüler lernt, sich auf die Anweisungen des Lehrers einzulassen, er vertraut auf dessen Kompetenz und Fürsorge und darauf, dass es ihm im Anschluss an die Yoga-Stunde gut geht. Wie fordernd eine solche Praxis für den einzelnen Schüler sein mag, hängt ganz von seiner Konstitution und situativen Befindlichkeit ab. Es gibt Kinder, die ihre Körperteile nicht koordinieren können und Hilfen benötigen, um eine Übung ausführen zu können.

Im Anschluss an eine Übungsreihe gibt es meist eine Tiefenentspannungsphase, die bei Kindern besonders gut ankommt, wenn man eine Fantasie-Geschichte erzählt.

Ich finde es besonders schön, auch Partnerübungen in eine Yoga- Stunde zu integrieren und sich im Anschluss daran zu massieren. Auch dabei helfen kleine Geschichten, die durch ihre Bildhaftigkeit Kinder anregen und anleiten können. Durch das Erleben, einen Klassenkameraden liebevoll angefasst und massiert zu  haben, stellt sich eine sehr schöne Atmosphäre ein, die deutlich spürbar ist und sowohl Kinder als auch Lehrer in den nachfolgenden Unterrichtsstunden bereichern kann.
Durch ein kurzes, gemeinsames Nachklingen über ein Gespräch kann ich mit bereits kleinen  Kindern üben, ein sinnvolles Gespräch zu führen.
Die gesamte Praxis fördert Achtsamkeit mit sich selbst und mit anderen, hilft, sich besser konzentrieren zu können, unterstützt die Atmung und die Fähigkeit, sich mit  dem eigenen Atem gut zu tun. Insgesamt erlebt die Klasse gemeinsam, dass es möglich ist, eine wohlige, aufmerksame, gesunde und kraftvolle Atmosphäre zu schaffen, in der jeder verantwortlich ist für das, was geschieht.

Und was soll das nun heißen, bezogen auf den anderen Unterricht? 

Eine Atmosphäre des Wohlfühlens und gemeinsamen Gestaltens ist die Bedingung für ein erfolreiches und gesundes Arbeiten miteinander. Denn es geht zwar in dem Unterricht um jeden Einzelnen für sich genommen, dennoch aber nur innerhalb der gesamten Klasse. Es geht um den hinkenden Kunz genauso wie um den stotternden Hinz, um die Lise, die schlecht sehen kann genauso wie um den Anton, der sich immerfort unter dem Tisch versteckt. Es geht um Nele, die ständig geneigt ist dazwischen zu quatschen, es geht um Fabian, der permanent herum rennt und laut schreit, es geht um Sebastian, der sich so gerne auf den Boden schmeißt und meterweit rutscht, genauso wie um Max, der still und weinend in der Ecke sitzt. Es geht darum, mit all diesen Persönlichkeiten einen Weg zu finden, der eine gesunde Umgebung schafft für das Erarbeiten eines bestimmten Lernzieles oder mehrerer.  Es geht darum, das alles hinzubekommen, möglichst harmonisch und im Einklang mit den ach so differenzierten Befindlichkeiten der einzelnen Schüler und zu guter letzt, auch darum, es liebevoll und zum Wohle Aller zu meistern.

Und was ist dann „Spiel“

Das alles zusammen genommen. Denn nach Schiller ist der Mensch dort Mensch, wo er spielt. Und eine humane Schule muss all diese Ebenen abdecken, um freie und motivierte Menschen zu bilden.

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