Vom Sinn des Schauspiels in der Schule

 

Foto für Utes Buch.jpg

Heute möchte ich einen Blick wagen, der ein wenig weiter hinaus führt, nämlich  in die künstlerische Entwicklung eines Kindes in der Schule. Welche Bedeutung hat dort die Auseinandersetzung mit dem Künstlerischen für die gesamte Entwicklung eines Menschen? Welche Potentiale können durch das Theaterspielen frei gesetzt werden?
Das Buch, welches von Ute Knochenhauer im Verlag:
epubli unter der ISBN: 978-8-7375-7242-2
erschienen ist, enthält integriert einen Aufsatz von ihrem Sohn Thomas Knochenhauer

http://www.soundcloud.com/chris-knochenhauer,

der sich ebenso mit Regie und Theaterarbeit auseinandersetzt.  Diesen Aufsatz möchte ich heute gerne hier vorstellen, da er das Buch sehr schön repräsentiert, welches natürlich inhaltlich noch sehr viel umfangreicher  auf Übungen und Zusammenhänge der verschiedenen Lebensstufen der Schüler eingeht.
Ich habe das Buch lektoriert und publiziert.

„Schülertheater-Entwicklungsschule des Lebens“

Wahrnehmen: Besonders Kinder können enorme Entwicklungssprünge vollziehen, wenn sie auf einmal (vielleicht anders als sonst) wahrgenommen werden. Diese Erfahrung machte ich abermals, als ich vor einigen Jahren den interessanten Auftrag hatte, für eine Grundschule im Landkreis Wesermarsch eine „Schuloper“ zu schreiben und auch zu inszenieren. Doch was wird normalerweise in einer Regelschule von dem Kinde wahrgenommen? Ist diese Wahrnehmung nicht sehr auf die Leistungen des Fächerkanons beschränkt? Anders herum gefragt. Findet sich in dem in der Schule Gefragten, Wahrgenommenen der ganze Mensch, das Kind mit all seinen Potenzialen wieder? Wenn ich aber davon ausgehe, dass ich mich hauptsächlich dann entwickle, wenn ein Anderer erst meine Anlagen in mir erkennt und sie in meinen Horizont holt, dann kann ich die Frage stellen, was bleibt alles bei den auf Leistung beschränkten Wahrnehmungen auf der Strecke, was noch in mir schlummert? Bei dem genannten Projekt fiel mir vor allem ein Junge aus der vierten Klasse auf. Er war leicht übergewichtig, seine Bewegungen waren etwas verzögert, sein Verhalten so, als ob er Angst vor den Reaktionen der anderen hatte, wenn er sich spontan offenbaren würde. Alles an ihm war sehr weich, um nicht zu sagen fast unkonturiert. Sein Auftreten war recht unsicher. Wenn man ihm die Hand gab, fühlte sich die seine kühl an. Sein Händedruck war schwach. Oft hatte er auch einen Ausdruck von Traurigkeit an sich. Dieses alles deutete darauf hin, dass er sich innerlich zurückgezogen hatte, sich gar nicht ganz in der Klassengemeinschaft zu Hause fühlte. Nun zeigte sich (ich machte dieses Projekt mit einer begeisternden Tanzpädagogin zusammen) bei den Vorübungen, in denen wir die Kinder durch Improvisationsübungen etwas näher kennen lernten, dass gerade dieser Junge ein solches Maß an Fantasie und Ausdruck im freiem Spiel besaß, dass wir ihm kurz entschlossen die tragende Rolle gaben. Als wir ihm dies mitteilten, schien er es uns in seiner verhaltenen Reaktion gar nicht zu glauben. In der Probenarbeit bestätigte sich aber unsere Entscheidung. Er blühte förmlich auf. Gerade er konnte andere mit seinem Spiel mitreißen und begeistern. Auch zeigte er auf einmal dadurch, dass er immer mehr Selbstvertrauen gewann, Eigenschaften die er bisher versteckt hatte, die aber für die ganze Gruppe stärkend waren. Wenn einer einmal den Mut verlor, war er es, der ihm gut zureden konnte. Oft entstehen bei Proben sehr heitere Situationen, welche auch wichtig sind, da sie manche Verspannungen lösen. Doch die Gefahr ist, dass die Heiterkeit mit den Kindern durchgeht, sie also vergessen, warum sie hier sind. Dann war wieder er es, der die Gruppe zur Konzentration führen konnte. Klassenkameraden äußerten im Pausengespräch mir gegenüber auf einmal Sätze wie „der ist ja ganz anders als wir immer dachten“. Auch den Lehrern entging seine Wandlung nicht und sie äußerten sich hoch erfreut darüber, dass er sich viel öfter am normalen Unterricht beteiligen würde als sonst.


Ein weiteres Beispiel möchte ich noch aus meiner Theater – AG – Arbeit aus der Oberstufe anführen. Es handelt sich um einem Schüler der elften Klasse, von dem ich wusste, dass er sehr mit seinen „schulischen Leistungen“ zu kämpfen hatte. Aus schulischer Sicht konnte er eben nicht das erbringen, was man von ihm erwartete. Er wirkte in seinem Auftreten eher selbstsicher. Das rührte auch daher, dass er gnadenlose Kritiken austeilen konnte, die in der Regel ins Schwarze trafen. Er hatte eine ausgeprägte „soziale Intelligenz“ die aber meistens nur in seinen Kritiken zum Ausdruck kam. So war ich immer wieder überrascht, wie genau er Personen seines Umfelds (Schüler und Lehrer) in ihren Eigenarten einschätzen und schonungslos beschreiben konnte. Er hatte sehr hohe Ansprüche (Ideale) an die Gesellschaft, so wie sie sein sollte. Wenn man ihn genauer kannte, merkte man, dass seine kritische Haltung für ihn eine Schutzfunktion hatte, um die Dinge nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Denn er hatte eine hohe Empathiefähigkeit. Auch hatte er wenig Selbstvertrauen, denn er war sich selbst gegenüber auch sein schärfster Richter und somit schlechtester Anwalt. Worunter er sehr litt, war die Tatsache, dass er sich von den Lehrern nicht richtig wahrgenommen fühlte. Denn tief in seinem Innern wollte er sie liebend schätzen. Doch für manche Lehrer ist ein Schüler der in seiner Kritik auch vor Lehrern nicht halt macht, eine große Herausforderung. Sie haben ihn missverstanden und tatsächlich ein ganz falsches Bild von ihm bekommen. Ein Bild, in dem er sich nicht wiederfinden konnte. Das ist für ein Kind eine ganz ungünstige Voraussetzung für das Lernen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, so muss ich gestehen, dass ich nur in den Unterrichten etwas gelernt habe, in denen mir ein Lehrer das Gefühl gab, er könne mich mit all meinen Möglichkeiten so sehen, wie ich bin, oder einmal sein werde. Diesen Lehrer habe ich liebend geschätzt, für diesen Lehrer habe ich gelernt. Ich habe nicht für mich gelernt. Ich wollte von den Lehrern wahrgenommen werden, also habe ich für sie gelernt um Anerkennung zu bekommen. Bei einem Lehrer, der mich meiner Meinung nach nicht „sehen“ konnte, resignierte ich nach ein paar anfänglichen Versuchen mitzuarbeiten. Als der zuvor erwähnte Schüler nun in die Theater – AG kam, schien das ein Ort für ihn zu sein, an dem er endlich einmal mit all seinen Möglichkeiten wahrgenommen wurde. Hier konnte er sein Potenzial einbringen. Hier entwickelte er sehr viel Initiative, brachte seine eigenen Gedanken und Vorschläge ein, las eine Unmenge an Theaterstücken, um diese der Gruppe vorzuschlagen. Nicht zuletzt lebte er auch durch die Anerkennung auf, die ihm seine vielschichtige Darstellung der Rollen, die er in dieser Zeit spielte, einbrachte. Dies führte auch in seinem schulischen Alltag dazu, dass er sich viel mehr in den Unterricht einbrachte und alle erkennen konnten, welche Entfaltungsmöglichkeiten er eigentlich mitbrachte. Doch er hätte zu vieles in der zwölften Klasse nachholen müssen, so war für ihn der Zug „Abitur“ vor der Nase abgefahren. Dieses holte er aber auf dem zweiten Bildungsweg nach.


Praxis der Probenarbeit: Dass sich die jungen Menschen anders als in anderen Lernzusammenhängen, in der Theaterarbeit wahrgenommen fühlen, liegt sicherlich auch an der Art der Regieführung. Ich gehe „Tabula rasa“ in eine Probe. Es geht mir nicht darum irgendwelche Ideen umzusetzen, bei denen die Schüler dann nur die Erfüllungsgehilfen meiner Vorstellungen wären. Nein, ich verstehe meine Rolle eher als „Geburtshelfer“. Das heißt, ich gebe ihnen nur so viele Vorgaben, dass sie sich nicht ganz in einem luftleeren Raum befinden. Auch ist dies je nach Persönlichkeit unterschiedlich. Dem einen muss ich erst einmal gar nichts sagen, bei jemand anderem bemerke ich sehr bald, dass er eine kleine Gehhilfe braucht. Ansonsten halte ich mich mit Anweisungen am Anfang sehr zurück. Dafür gebe ich Aufgabenstellungen, welche die Schüler umsetzen müssen. Wie steht es z.B. mit der Sprache? Normalerweise geht, bevor jemand den Mund aufmacht, ein Impuls voraus, eine innere Regung. Dieses Gefühl: Ich habe etwas der Welt zu sagen, veranlasst ihn erst, es auszusprechen. Das ist etwas völlig anderes als einen auswendig gelernten Text zu repetieren. Wenn ich jemanden mit Worten dazu bewegen will, mein Zimmer zu verlassen, dann vertraue ich in diesem Moment darauf, dass meine Worte tatsächlich die Kraft besitzen den anderen in Bewegung zu versetzen. Meine Worte haben die Macht andere in Bewegung zu bringen – oder auch nicht, dann war es nicht so gemeint, wie ich es sagte, oder daher geleiert. Aus dieser Erfahrung kann man eine Übung machen. Die Schüler sagen einen Satz erst dann, wenn sie den Inhalt so fühlen, dass sie ihn sagen müssen. Später kommt in der Oberstufenarbeit dann noch das Spiel mit den Subtexten hinzu. Ein Beispiel, das wohl alle kennen, ist das folgende: Wir werden gefragt wie es uns geht und wir antworten „gut“. Tatsächlich können wir diesem „Gut“ aber ganz andere Bedeutungen geben. „Gut“ kann zum Beispiel heißen: – frag nicht weiter, lass mich in Ruhe…  ich bin verzweifelt…  super  wie, Du fragst mich?

Durch solche Hinweise und Übungen kommen die Schüler in eine innere Regsamkeit. Dadurch wird außerdem verhindert, dass sie den ja doch vorgegebenen Text später sinnentlehrt herunter leiern. Ein weiterer Hinweis, der zu einer Entdeckung führen kann ist, wie sich Sprache außer in dem gesprochenen Wort noch offenbart. Was uns allen geläufig ist, ist die Körpersprache. Wie kann sich z.B. ein Gedanke in meinem Gehen ausdrücken? Der Regisseur spricht dann vom „Gedankengang“ aber was heißt das? Halten wir uns vor Augen: Ein Mensch geht über den überfüllten Marktplatz so tief in Gedanken versunken, dass er nicht mal sieht, dass er gerade von einem Bekannten gegrüßt wurde, obwohl sich die Blicke gekreuzt haben. Er weiß eigentlich gar nicht , wo er sich befindet, so tätig ist er innerlich . Wie wird sich das in seinem Schritt ausdrücken und wie wird sich sein Schritt verändern wenn er plötzlich, wie aus einem Traum aufwacht und seiner Umwelt gewahr wird? Oder wie verändert sich der Schritt, wenn er mitten im Gang vielleicht stehen geblieben ist, eine Entscheidung gefällt hat und jetzt wieder weitergeht? Wie nähere ich mich jemandem voller Selbstzweifel und Angst? Wie anders nähere ich mich jemanden, wenn dieser ein Untergebener ist? Da gibt es vieles zu entdecken. Da brauche ich auch keine Vorgaben darüber zu machen, wie jemand zu gehen hat, wir alle wissen es, nur müssen wir uns dafür sensibilisieren. Ein ebenso wunderbarer Hinweis ist der auf die Art der Tätigkeit. Ich kann äußerlich tätig sein und innerlich fast tot. Oder umgekehrt kann ich eine Gruppe von Schülern fragen: Sagt es mir jetzt nicht, aber was habt ihr vor drei Tagen zu Mittag gegessen? Dann verschwindet jede äußere Tätigkeit, doch man sieht wie der Einzelne nach innen schaut und da ganz tätig wird. Beim Bewusstmachen solcher Abläufe kann eine Rolle sehr lebendig werden. Es ist geradezu amüsant, sich z.B. folgende Szene vorzustellen. Jemand will sein Flugzeug erreichen, er steht neben dem Taxifahrer, zum Nichtstun verdammt. Er ist spät dran, weiß nicht, ob er den Flieger noch erwischt, und kann nur da stehen. Der Taxifahrer aber ist äußerlich sehr tätig, wuchtet das Gepäck in den Kofferraum, packt eine Tasche noch einmal aus, weil sonst die andere keinen Platz hat. Aber innerlich ist er im Leerlauf, absolut untätig. Da prallen zwei Welten aufeinander! Dies alles sind Hinweise, Hilfen damit der Schüler seine Aufgabe von innen heraus ergreifen, in die „Rolle hineinwachsen“ kann. Das kann nur er selbst tun, da kann ihm keiner Vorschriften machen. Wenn dieses gelingt dann deswegen, weil die Schüler nicht mehr dieselben sind, sondern sich ganz neu in ihren Möglichkeiten entdeckt haben. Diese erste Phase bis zu dem Punkt, an dem es beim Einzelnen „klick macht“, ist bei jedem unterschiedlich lang. Dabei kommt dann wieder der Geburtshelferaspekt zum Tragen. Jeder bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Es kann z.B. sein, dass jemand,weil er noch nie Theater gespielt hat, sehr gehemmt ist. In dieser Phase bin ich ganz aufmerksamer Beobachter. Es kann sein, dass ich jemanden in seinem Spiel unterbreche und ihm sage: Du wolltest eben doch etwas ganz anderes machen, warum tust du es nicht? Oft ist der
Akteur dann sehr überrascht, dass ich das weiß. Meine Aufgabe verstehe ich hier so, ganz mit meiner Wahrnehmung in den anderen einzutauchen um seine eigentlichen Impulse ans Tageslicht zu holen . Hier wird das Selbstvertrauen der Schüler gestärkt, so dass sie ihren eigenen Impulsen mehr und mehr vertrauen können. Erst wenn die Schüler hier lebendig werden, mehr und mehr Sicherheit in ihrer Rolle erlangen, beginne ich vorsichtig in die nächste Phase überzuleiten. Von da an kommen in der zweiten Phase mehr allgemeine und technische Aspekte hinzu. Wie ist es mit der Sprachverständlichkeit? Wie ist das Tempo, das heißt: Wo soll eine Szene ganz ausgespielt werden, wo soll das Tempo angezogen werden, dass sich die Einsätze überschneiden? Die dritte Phase ist die Einstimmung auf die Premiere. Es ist die sogenannte „heiße Phase“. Hier fordern die Proben jeden bis auf sein letztes Hemd. Die für eine Theateraufführung benötigte Technik (Beleuchtung Kulissen) muss so funktionieren, dass man sie gar nicht bemerkt. Es werden nicht mehr einzelne Szenen geprobt sondern Durchläufe. So wie eine einzelne Szene ihren Spannungsbogen hat, muss jetzt auch ein Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Szene erreicht werden. Oft ist es für alle ein heilsamer Schock, wenn man einen Durchlauf ohne Unterbrechung vornimmt. Hier zeigt sich, ob die Akteure aus eigener Kraft diesen Spannungsbogen aufbauen können. Das ist etwas ganz anderes, als wenn der Regisseurs die Impulse setzt. In dem Fall ist die Spannung natürlich irgendwann da, wenn ich z.B. mit dem Hinweis unterbreche: Das war kalter Kaffee, macht das nochmal. Anders ist die Situation, wenn dieser Eingriff auf einmal fehlt und aus eigener Kraft über ein ganzes Stück der Spannungsbogen aufgebaut werden muss, ohne dass jemand von außen pusht. In dieser Phase ist es mir wichtig, die Schüler davon zu überzeugen, dass ich gar nichts mehr tun kann. Das Spiel ist in ihre Hände gelegt, sie haben von mir das Werkzeug erhalten, jetzt müssen sie ohne meine Hilfe etwas daraus machen. Es ist ihr Spiel. Ich bin nur noch Spiegel. Dann kommt die Hauptprobe. So wie die Generalprobe eine reale Aufführung ohne Publikum ist, so ist die Hauptprobe die Vorbereitung auf die Generalprobe. Spätestens hier bei der Hauptprobe sollte etwas mit den Akteuren geschehen. Ich nenne das, um ein altes Bild zu bemühen „den Trunk des Vergessens“. Hier muss der Akteur sich frei machen von seinem Kopf. Er muss quasi alles vergessen, was er bisher gelernt hat und es sein. Das ist der Moment, in dem sich der Einzelne frei spielt und zur lebendigen, glaubhaften Figur wird. Oft kommen dann noch ganz neue Farben in sein Spiel. Es kommt die Generalprobe. Noch einmal verdeutliche ich den Akteuren, dass alles in ihre Hände gelegt wurde, dass es ihr Spiel ist, dass alles allein aus ihrer Kraft heraus entstehen muss. Noch ein paar Worte zur Technik. Dann bitte ich die Akteure auf und hinter der Bühne ihre Plätze einzunehmen und sich auf ihre Rolle vorzubereiten, indem sie innerlich noch einmal den Bogen von der ersten bis zur letzten Szene durchgehen, so wie ein Hochspringer mental vor seinem
Sprung jeden einzelnen Schritt „nur“ in seiner Vorstellung ablaufen lässt. Und dann wird es Ernst… Meistens sind die Spannungen und Erwartungshaltungen vorher so hochgeschraubt, dass die Generalprobe ein leichter Schock und eine Ernüchterung sind. Aber das ist heilsam, weil es den Willen steigert. Eine Generalprobe, die absolut glatt laufen würde, verunsichert mich eher, da dann die Gefahr in der Luft liegt, dass die Aufführung zu leichtfertig angegangen werden könnte , was zu Irritationen in der Premiere führen könnte.


Die drei Prüfungen: Es kommt die Premiere. Doch bevor ich jetzt etwas über die Qualitäten der Premiere schildere, möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers ganz woanders hin lenken. Ich erinnere mich an eine Postkarte. Auf dieser war folgendes Zitat von Joseph Beuys zu lesen: „Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt“ Das heißt für mich, dass das, was sich früher urbildhaft z.B. die Prüfungen, wie wir sie so auch bildhaft in Mozarts Zauberflöte als Feuerprobe, Wasserprobe (und Luftprobe) finden, heute in der Biografie eines jeden Menschen in seinem Alltag stattfinden kann. Jeder kann völlig überraschend mit diesen Prüfungen, die auch immer einen Einweihungscharakter haben können, konfrontiert werden. Um die Qualitäten dieser Bilder zu beschreiben gehen wir jetzt wieder zurück zum Schauspiel.


Die Premiere / Feuerprobe:
Bei der Premiere muss der Einzelne wirklich eine ähnliche Intensität des Mutes aufbringen wie man es muss, um durch eine Feuerwand zu laufen. Es gibt nur diesen einzigen Weg, mitten hindurch, mit allen Unzulänglichkeiten und Zweifeln, mit der Angst zu versagen. Ich kann die anderen nicht hängen lassen, indem ich jetzt weglaufe… Solche Gedanken können entstehen. Doch dann, wenn man diesen Sprung gewagt hat, einen Sprung, der auch ein Gang durch einen „kleinen Tod“ bedeutet, erlebt man einige wenige Momente nach dem ersten Auftritt eine „Wiedergeburt“. Man ist nicht mehr derselbe. Man spürt eine neue Kraft, die einen durchströmt, eine Kraft die einen trägt, die man vorher in der ganzen Probenphase nicht erlebt hat.
Die zweite Aufführung / Wasserprobe:
die zweite Aufführung ist, äußerlich betrachtet, oft gekennzeichnet von unvorhergesehenen Pannen. Das rührt daher, dass man die Feuerprobe bestanden hat und zu leichtfertig in diese besondere Aufführung geht. Innerlich geschieht aber noch etwas ganz anderes im Akteur. Das, was ihn bei der Premiere getragen hat, ist plötzlich weg. Das kann sich wie ein Schock auswirken. Man glaubt keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Man wird orientierungslos, wie wenn man die Strömungen und den Boden im Wasser nicht sehen kann. Man glaubt, das eigene Spiel sei „kalter Kaffee“. Diese Prüfung besteht man, wenn man sich das Folgende klar macht:
Du hast alle Mittel selber in der Hand. Du selbst kannst dir Orientierung verschaffen. Du bist frei geworden und musst jetzt aus eigener Kraft und eigenem Können deine Rolle ausfüllen und gestalten. Jetzt kannst du auch all das in der Vorbereitung Erlernte bewusst ergreifen und für deine Ziele einsetzen.


Die dritte Aufführung / Luftprobe:
Leider wird die Bedeutung der dritten Aufführung oft übersehen. Das heißt, sie findet z.B. an Waldorfschulen in der Regel gar nicht statt. Dabei kann hier etwas völlig Neues entstehen. Vorher waren die Akteure in der Lage, vielleicht ganz in die Rolle hineinzugehen, mit ihr zu verschmelzen. Das ging aber nur über den Weg des Vergessens. Hier tritt uns also noch „Kopf und Bauch“ als Entweder – Oder, als Gegensätze gegenüber. Wer ganz mit der Rolle verschmilzt, arbeitet nicht mit dem Kopf. Wer sich kontrolliert, ist zu sehr im Kopf, nicht aber im Prozess. Das Grandiose ist, dass in der dritten Aufführung diese Gesetzmäßigkeit außer Kraft gesetzt werden kann. Du kannst dich in das Luftelement aufschwingen und beides gleichzeitig sein. Das ist eine Bewusstseinserweiterung! Als Akteur erlebt man dann, dass man vollkommen mit der Rolle verschmilzt und sich trotzdem gleichzeitig wie von außen zusehen kann und weiß, was der linke kleine Zeh macht. Das, was innen ist, ist außen und umgekehrt. Man kann es eine reale Transformationserfahrung nennen! Ich persönlich habe das als Sechzehnjähriger erlebt. Dieses Erlebnis lässt sich in seiner Tiefe kaum in Worte fassen. Für den kurzen Moment einer Aufführung erlebt man sein Denken, Fühlen und Handeln als eine absolute Einheit. Ja man fühlt sein Bewusstsein geweitet bis zu den hintersten Plätzen des Theatersaales, es scheint einem keine Reaktion des Publikums zu entgehen, selbst wenn sie unhörbar ist.
Leider gibt es Lehrer, welche die Theaterarbeit als Konkurrenz zu ihrem Unterricht erleben und Sorge um ihre Unterrichtsstunden haben, oder Sorge haben, dass die Schüler in einer Theater AG ihre Hausaufgaben vernachlässigen. Ich möchte dagegenhalten, das die eben geschilderten Erfahrungen zu den besten Vorbereitungen auf das Leben gehören. Jeder von uns kann in seiner Biografie an bestimmte Prüfungen kommen. Wie anders kann er diesen aber entgegentreten auf Grund der schon gemachten Erfahrungen im Theaterspiel! Eine noch weitere bisher nicht erwähnte Schulung durch die Theaterarbeit ist das sogenannte „Timing“. Das heißt, genau zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Das ist die Voraussetzung für eine gute Aufführung! Es ist reine Geistesgegenwart, die hier geschult wird. Wie oft laufen wir im realen Leben
Dingen hinterher und können nur noch „Schadensbegrenzung“ vornehmen, weil wir eben den richtigen Moment, das „Timing“ verschlafen haben. So können wir nur noch reagieren statt selbstbestimmt zu agieren. Aber hier auf der Bühne gelingt es uns in urbildhafter Weise!
Zum Abschluss möchte ich noch ein Beispiel anführen, was hoffentlich diejenigen Lehrer, die Sorge um die Leistungen ihrer Schüler haben, zum Nachdenken anregt.

Ich habe einmal mit einer zehnten Klasse das Musical „Anatevka“ einstudiert. Das war ein solcher Erfolg, dass wir nicht nur drei, sondern fünfzehn Aufführungen machten. Das Projekt wurde aber offenbar für den Schulorganismus so sehr zu einer Belastung, dass allein das Wort „Anatevka“ zum Reizwort wurde. Man durfte es nur flüstern, um nicht Ärger auf sich zu ziehen. Es gab Stimmen, die sich mit größter Sorge darüber äußerten, wie die Schüler den Unterrichtsstoff nachholen sollten, wenn man auch noch auf Tournee ginge. Diese Klasse hatte dreißig Schüler. Zwei Jahre später haben siebenundzwanzig von ihnen das Abitur erfolgreich bestanden. Wohlgemerkt, das war eine Waldorfschule, in der die Schüler vom Leistungsniveau her zusammengesetzt sind aus Haupt – und Realschülern und Gymnasiasten. Das ist in meinen Augen überdurchschnittlich! Das dies so war, lagt in meinen Augen an der Klassengemeinschaft, die sich während der Proben und den Aufführungsterminen immer stärker herausgebildet hat. Hier hat jeder die Erfahrung gemacht, dass er sich auf den anderen verlassen konnte. Jeder hat seinen Klassenkameraden auf eine ganz andere Weise als im Unterricht noch einmal neu kennen und schätzen gelernt. Das führte dazu, dass in der Klasse eine solche Atmosphäre herrschte, dass jeder die „dümmsten“ Fragen stellen konnte, ohne dafür Gelächter zu ernten. In einer solchen Atmosphäre des Lernens kann das Abitur etwas ganz Normales werden und ist nicht nur denen vorbehalten, deren Eltern die Nachhilfe finanzieren können, oder denjenigen, die von zu Hause aus genau die „einseitigen Denkstrukturen“ mitbringen, welche im Abitur verlangt werden.

Und hier mein persönliches Crowdfundingprojekt:https://www.crowdfundinginternational.eu/user/AlexandraKnie

 

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